96  Sechstes  Kapitel.

nicht  gesehen,  wie  trefflich  dieser  jede  ihm  zugewiesene  militärische  Stellung
auszufüllen  wußte,  wie  vollkommen  er  jeder  Aufgabe  sich  gewachsen
zeigte.  Überhaupt  fand  in  dem  ernsten  und  pflichttreuen  Wesen  des
Sohnes  der  Vater  sich  selbst  wieder,  so  daß  der  Eindruck  nicht  irre  geht,
daß  von  den  Söhnen  des  Königs  keiner  diesem  innerlich  näher  gestanden
habe,  als  Prinz  Wilhelm.  Und  der  Sohn  wieder  stand  mit  hingebender
Ciebe  und  pietätvoller  Derehrung  dem  Dater  gegenüber;  er  zeigte  zu
dessen  Gerechtigkeit  das  höchste  Vertrauen,  indem  er  sein  Urteil,  wenn  er
es  abzugeben  hatte,  keineswegs  nach  den  Wünschen  oder  Ansichten  des
Königs  modelte,  sondern  es  so  abgab,  wie  es  seiner  auf  die  Sachen  gegründeten
  ÜUberzeugung  entsprach.  So  wünschte  der  König  im  Interesse
der  Staatskasse  die  Dienstzeit  der  Infanterie  abzukürzen,  um  dadurch  den
Dienststand  der  Armee  zu  vermindern.  Mit  Entschiedenheit  setzte  sich  dem
Drinz  Wilbelm  entgegen  und  hatte  die  Genugthuung  zu  erreichen,  daß
die  Sache  „in  nähere  Überlegung  genommen“,  d.  h.  bis  auf  weiteres
vertagt  werden  sollte.  So  war  ein  andrer  Gedanke  des  Königs,  welcher
später  zu  Tage  trat,  um  Kosten  zu  ersparen:  die  Dienstreisen  der  kommandierenden
  Generale  zu  beschränken  und  zugleich  ihrer  Machtbefugnis  über
die  Regimentskommandeure  engere  Grenzen  zu  zieben.  Hrinz  Wilhelm
richtete  eine  Denkschrift  an  seinen  königlichen  Vater,  durch  die  er  einen
Erlaß  des  Königs  erwirkte,  der  den  kommandierenden  Generalen  unverkürzt
  ihre  Machtvollkommenheit  beließ.

Nur  einen  Punkt  gab  es,  über  den  Prinz  Wilhelm  innerlich  nicht
zur  Ruhe  und  zu  gleicher  Auffassung  mit  seinem  königlichen  Vater  ge—
langen  konnte:  das  war  die  bescheidene  Stellung,  die  nach  den  glor—
reichen  Befreiungskriegen  sein  geliebtes  Preußen  im  Rat  der  Großmächte
einnahm.  Dem  Ulönigs,  der  seine  beste  Kraft  an  den  inneren  Ausbau
des  Staates  und  an  die  Derschmelzung  der  neu  gewonnenen  Tandesteile
mit  den  alten  Stammprovinzen  setzte,  genügte  es,  nach  außen  in  Übereinstimmung
  mit  Ssterreich  zu  handeln.  Der  junge  Hrinz  aber  fand  es
unerträglich,  daß  Dreußen  von  der  Stufe  des  „Glanzes,  Ruhmes  und
Ansehens“,  die  es  1815  innegehabt  hatte,  durchaus  herabgestiegen  war.
Er  verlangte  für  Hreußen  eine  aktivere  Rolle,  eine  selbständige  Stellung
zu  den  großen  Fragen.  Ticht  ohne  Unmut  schreibt  er  1824  an  den
General  von  Katzmer,  mit  dem  er  seit  1814  befreundet  geblieben  war:
„Was  1815  bei  drei  Millionen  der  Enthusiasmus  that,  muß  jetzt  bei
elf  Millionen  die  geweckte  und  beförderte  Intelligenz  thun.  Wenn  man
nichts  mehr  sein  will,  warum  noch  etwas  scheinen  wollen  und  deshalb
mit  ungeheuren  Kosten  eine  Armee  haltend“  Sein  Gedanke  war,  mit