Vom  Jüngling  zum  Mann.  97

freier  Anlehnung  an  Rußland  Hreußen  die  Stellung  in  Europa  zu  geben,
die  ihm  gebührte,  ohne  dabei  selbst  einem  Konflikte  mit  Esterreich  allzu
ängstlich  aus  dem  Wege  zu  gehen.

Überhaupt  darf  man  in  dem  Hrinzen  Wilhelm  ganz  besonders  den
Träger  der  freundlichen  Beziehungen  zu  Rußland  sehen.  Auf  dem
Schlachtfelde  von  Bar  war  diese  Stellung  des  Hrinzen  begründet  worden.
Seit  1818  trug  das  Regiment  Kaluga  den  Namen  „Hrinz  Wilhelm  von
Dreußen“.  Und  schon  das  Jahr  zuvor  hatte  er  selbst  längere  Seit  am
Bofe  von  St.  Hetersburg  geweilt.

Die  Dermählung  der  Hrinzessin  Charlotte  mit  dem  Großfürsten
Rikolaus  war  auf  den  Juli  1817  angesetzt.  Im  Juni  verließ  daher  die
fürstliche  Zraut  die  Stätte  ihrer  Keimat,  um  sich  nach  Rußland  zu  begeben.
  Bis  Fürstenwalde  gab  die  gesamte  königliche  Familie  der  scheidenden
  Hrinzessin  das  Geleit.  Don  da  an  reiste  sie  unter  der  Obhut
des  Hrinzen  Wilhelm,  den  der  König  ausersehen  hatte,  die  Schwester  der
neuen  Heimat  zuzuführen.  Im  Schlosse  zu  Königsberg  machten  die
Geschwister  Rast.  Wehmütige  Erinnerungen  wurde  hier  in  ihnen  wachgerufen;
  denn  sie  fanden  die  für  sie  bereiteten  Simmer  reich  mit  Kornblumen
  geschmückt.  Der  Sommer  in  Tuisenwahl,  das  Bild  der  verklärten
Mutter  stieg  vor  ihnen  auf,  und  tiese  Rührung  erfüllte  die  Gemüter.
Am  folgenden  Tage  erreichten  die  Geschwister  die  preußisch  russische
Grenze.  Die  welzmütige  Stimmung  klang  noch  in  ihnen  nach:  sie  verließen
  den  Wagen,  pflückten  am  Wege  Kornblumen,  aus  denen  die
Drinzessin  einen  Kranz  flocht  und  sich  aufsetzte,  und  überschritten,  während
bei  der  unvergeßlichen  Mutter  die  Gedanken  weilten,  zu  Fuß  die  Grenze.
Denn  demütig  wollte  die  Hrinzessin  dem  Glücke,  das  ihr  die  Sukunft
verhieß,  entgegengelhen.  Aber  jenseit  der  Grenze  wartete  der  Großfürst,
der  glückliche  Zräutigam,  und  in  herzlichster  Zegrüßung  nahm  jetzt  der
Frohmut  sich  sein  Recht.

Am  15.  Juli  fand  die  Dermählung  der  Hrinzessin  Charlotte  in
St.  Hetersburg  statt.  Nach  russischer  Sitte  hielt  Hrinz  Wilhelm  bei  der
Feier  die  sogenannte  Dermählungskrone  über  das  Raupt  seiner  Schwester.
Endlose  Feste,  in  höchster  Hracht  gefeiert,  schlossen  der  Vermählung  sich
an.  Durch  einen  bedenklichen  Unfall,  der  dem  Hrinzen  Wilhelm  begegnete,
erfulren  sie  eine  böse  Unterbrechung.  Der  Hrinz  wurde,  als  er  den
Marstall  des  Großfürsten  Michael  in  Augenschein  nahm,  von  einem
großen  Hunde  angefallen  und  stark  verletzt.  Man  fürchtete,  der  Zund
könnte  toll  gewesen  sein,  und  hielt  es  daher  für  notwendig,  durch

Schneiden  und  Brennen  aller  Gefahr  zu  begegnen.  Indes,  war  der
Naiser  Wilhelm.  7