98  Sechstes  Kapitel.

Schmerz  auch  empfindlich,  so  heilte  doch  die  Wunde  bald  und  verstattete
dem  Prinzen,  die  Reise  nach  Moskau,  dem  nationalen  Mittelpunkt  des
so  eigenartigen  russischen  Lebens,  zu  unternehmen.  Die  Heimreise  erfolgte
dann  über  Smolensk  und  Warschau.

Nicht  gar  lange  danach,  zum  Beginne  des  Jahres  1818,  trat  in
den  Derhältnissen  des  Hrinzen  Wilhelm  eine  bedeutungsvolle  Wendung
ein.  General  von  Diericke  wurde  in  Gnaden  aus  seiner  Stellung  als
Obergouverneur  entlassen
und  damit  der  Hrinz  als
ganz  selbständig  bingestellt.
  Ein  eigener  Hofhalt
in  bescheidenem  Guschnitt
war  ihm  schon  früher
eingerichtet  worden.

Besondere  Derhältnisse
  führten  acht  Jahre
später  den  Hrinzen  Wilhelm
  von  neuem  nach
St.  Hetersburg.  Am  l.  Dezember
  1825  war  Kaiser
Alexander  fern  im  Süden,
in  Taganrog,  ohne  Kinder
  zu  binterlassen,  gestorben.
  Erbe  der  Krone
war  somit  sein  nächster
Bruder,  der  Dizekönig
Dolens,  Großfürst  Konstantin.
  Allein  dieser  hatte
schon  drei  Jahre  zuvor
schriftlich  den  Derzicht  auf
die  Thronfolge  erklärt,  die  demnach  auf  den  dritten  Bruder,  den  Großfürsten
RNikolaus,  überging.  Jedoch  dieser,  in  seinen  Meigungen  ausschließlich  Soldat,
lehnte  sie  ab,  so  daß  zu  gleicher  Seit  Konstantin  in  Warschau  Kikolaus,
und  Nikolaus  in  St.  Hetersburg  Konstantin  den  Eid  der  Treue  leistete.
Wunderbares  Schauspiel!  Wie  oft  hatte  die  Welt  Brüder  um  einen  Thron
miteinander  kämpfen  sehen:  jetzt  sah  sie  zwei  Brüder  um  die  Thronentsagung
  miteinander  streiten!  Großfürst  Michael  reiste  hin  und  her,  um
einen  oder  den  andern  seiner  beiden  Brüder  zur  Annahme  der  Krone  Heters
des  Großen  zu  bewegen.  Aber  Konstantin  blieb  unbeweglich;  mit  allem

Großfürst  Nikolans.