100  Sechstes  Kapitel.

ein  brüderlicher  Freund  und  Berater.  Denn  die  Lage  des  jungen  Kaisers,
wenn  er  auch  den  schwankenden  Thron  mit  rasch  durchgreifender  Energiewieder
  festgestellt  hatte,  war  immer  noch  eine  schwierige.  In  diesen
Monaten  besonders  hat  sich  das  Band  aufrichtiger  und  achtungsvoller
Freundschaft  zwischen  dem  Hrinzen  und  dem  Kaiser  Nikolaus  geknünpft,
das  alle  Hroben  bis  zum  Tode  des  Kaisers  bestanden,  ja  den  Tod  des
Kaisers  überdauert  hat.

Swischen  die  beiden  bedeutsamen  russischen  Reisen  des  Hrinzen
Wilhelm  fällt  die  Reise  nach  Italien,  nicht  ein  rascher  Einblick  in  eine
neue  elt,  wie  die  Alpenreise  des  Jahres  1814  es  gewesen  war,  sondern
vier  Monate  (vom  Oktober  1822  bis  zum  Februar  1825)  eindringenden
Studiums  und  erbebenden  Genusses,  wie  ihn  die  Fülle  der  Kunstschätze
und  die  wunderherrliche  Tatur  JItaliens  nur  bieten  können.

Die  Großmächte  traten  in  Derona  zusammen,  um  über  eine  Intervention
  in  Spanien  zu  beratschlagen,  das  ganz  in  den  Händen  der
extremen  Fortschrittspartei  war.  Auch  König  Friedrich  Wilhelm  begab
sich  auf  den  Kongreß.  Auf  der  Reise  dorthin  traf  ihn  nach  Derabredung
  Hrinz  Wilhelm  in  Teuenburg,  der  vorher  eine  Inspektion  über
das  achte  Armeecorps  gehalten  hatte.  Gemeinschaftlich  reisten  sie  nun
nach  Derona,  wo  auch  Hrinz  Karl  als  dritter  Reisegefährte  sich  zu  ihnen
fand.  Eine  Woche  hindurch  hielten  den  König  hier  die  Derhandlungen
des  Kongresses  fest.  Dann  unternahmen  die  hohen  Reisenden  einen
Ausflug  über  Hiacenza  und  Hadua  nach  Denedig.  Einen  wunderbaren
Eindruck  machte  auf  die  Hrinzen,  die  sie  zum  erstenmal  sahen,  die
Lagunenstadt:  die  CTotenstille,  die  über  der  ganzen  Stadt  lagerte,  das
bewegte  Leben  auf  den  Kanälen,  auf  denen  doch  lautlos  die  schwarzen
Gondeln  mit  dem  kühn  sich  aufbäumenden  eisernen  Bug  dabinglitten,
der  Markusplatz  mit  seiner  bunt  wogenden  MWenschenmenge,  die  stille
Größe  des  Dogenpalastes.  Denn  das  ist  es  ja  gerade,  die  Fülle  großer
historischer  Erinnerungen,  die  auf  Schritt  und  Tritt  sich  an  uns  herandrängen,
  was  in  Denedig  auf  jeden  Empfindenden  Eindruck  macht.

Gegen  Ende  des  Oktober  kehrte  der  König  mit  seinen  Söhnen  noch
einmal  nach  Derona  zurück.  Rier  traf  ihn  ein  Schreiben  des  Hapstes,
durch  das  der  ehrwürdige  Hius  VII.  ihn  zum  Besuche  Roms  einlud.
Gern  entsprach  der  König  der  freundlichen  Bitte.  Am  Nachmittage  des
11.  November  sah  er  in  der  Ferne  die  mächtige  Kuppel  von  St.  Peter
aufsteigen.  Bei  der  Station  La  Horta,  der  letzten  vor  Rom,  kam  den
hohen  Reisenden  Hrinz  Reinrich,  des  Königs  Bruder,  zur  Begrüßung
entgegen.  Der  Ulönig  bestieg  sofort  den  Wagen  des  Bruders  und  fuhr,