102  Sechstes  Kapitel.

Erscheinungen!  Und  wie  erfrischend  weht  den  VNordländer  der  linde  Seewind
  an,  der  abends  zum  Cande  herüberstreicht!  Dazu  ließ  es  sich  der
Herzog  von  Kalabrien,  Kronprinz  von  Neapel,  nicht  nehmen,  bei  jeder
Gelegenheit  den  liebenswürdigen  Wirt  oder  Führer  zu  machen.

Der  erste  Besuch  der  hohen  Gäste  galt  den  Solfataren.  Durch  den
Tunnel  des  Hosilipp  ging  die  Fahrt  nach  Pozzuoli.  In  dessen  Tähe  beginnt
  das  etwa  500  Meter  breite  Thal,  aus  dessen  an  mehreren  Stellen
glühendem  Boden  Rauch  und  Gase  aufströmen,  ja  mitunter  15—20  Meter
hoch  emporgeworfen  werden.

Diel  größeren  Eindruck  machte  natürlich  die  Zesteigung  des  Desuv,
die  am  25.  Movember  von  Hortici  aus  unternommen  wurde.  Dem  Gefolge
  des  Königs  hatte  sich  auch  Alexander  von  Zumboldt  angeschlossen.
In  Hortici  wurden  die  bereit  gehaltenen  Maultiere  bestiegen;  dann  ging
es  den  ziemlich  sanften  Anstieg  des  Berges  hinan,  der  erst  vier  Wochen
zuvor  einen  heftigen  Ausbruch  gehabt  hatte.  Nach  einer  kurzen  Rast
beim  Eremiten  wurde  gegen  Mittag  der  Aschenkegel  erreicht.  Hier  setzte
sich  der  König  in  einen  Tragsessel,  die  Drinzen  und  das  Gefolge  aber
stiegen  zu  Fuß  mühselig  durch  die  Asche  und  die  gleitenden  Lapilli  den
Abhang  hinan.  Endlich  war  der  Rand  des  Kraters  erreicht.  Es  war
die  Stelle,  welche  der  letzte  Ausbruch  des  Dulkans  um  nicht  weniger  als
15  Meter  erhöht  hatte.  Die  neue  Aufschüttung  war  längst  abgekühlt,
so  daß  man  hinaufklettern  und  in  den  Krater  des  jetzt  ganz  ruhigen
Berges  hineinsehen  konnte.  Humboldt  hielt  hier  aus  dem  Stegreife  einen
Vortrag,  in  welchem  er  den  Derlauf  der  verschiedenen,  jetzt  erstarrten
Lavaströme  erklärte  und  die  Erscheinungen  erläuterte,  die  einen  Ausbruch
ankündigen  und  die  ihm  nachzufolgen  pflegen.  Und  nun  genossen  die
hohen  Reisenden  das  herrliche  Hanorama,  das  sich  von  der  Böhe  des
Berges  unter  ihnen  ausbreitete;  denn  der  Kimmel  war  klar  und  heiter
und  gestattete  den  weitesten  Ausblick.  Aus  dem  tiefblauen  Meere  erhoben
  sich  in  violettem  Dufte  Capri  und  Ischia;  und  an  der  selsigen
Küste  lag,  dicht  gedrängt,  weißlich  schimmernd  Teapel,  von  dem  aus  fast
in  ununterbrochener  Reihe  Städtchen  an  Städtchen  den  Meerbusen  gürtete.

Dies  herrliche  Bild  vor  Augen,  in  welchem,  je  tiefer  man  kam,
um  so  lebhafter  die  Farben  hervortraten,  unternahm  man  den  Alstieg.
Das  war  eine  lustige  Fahrt.  Denn  gleitend  und  rutschend  kam  man  ohne
Kährnis  den  Aschenkegel  hinab,  man  wußte  selbst  nicht,  wie  geschwind.
Unten  aber  warteten  die  berggewohmnten  Maultiere.

Am  Abend  des  schönen  Tages  trat  Regenwetter  ein  und  verbinderte
weitere  Ausflüge.  So  wurde  denn  am  folgenden  Tage  das  bourbonische