Die  Dermählung.  105

Schultern  erschien  sie  wie  ein  wirklicher  Engel.  Schlank  gebaut,  von
mittlerer  Größe,  hatte  sie  aschblondes  Haar  und  eine  leicht  gebogene  Nase
unter  der  edlen,  hohen  Stirn.  In  ihren  großen  blauen  Augen  lag  ein
schwärmerischer  Ausdruck,  als  blickten  sie  immer  sehnsuchtsvoll  in  die
Ferne  oder  in  die  Höhe.

In  dem  Kreise  der  dem  Spiel  Suschauenden  erregte  die  Hrinzessin
Aufmerksamkeit,  um  ihretwillen,  aber  auch  um  des  Hrinzen  Wilhelm
willen.  Denn  manche  wollten  wissen,  daß  er  der  jungen  Hrinzessin  —
sie  war  1805  geboren  —  in  besonderer  Neigung  ergeben  sei,  wenn  er
es  freilich  auch  nicht  durch  das  leiseste  Seichen  verriete.  Und  wirklich
war  die  Dermutung  nicht  ohne  Grund.  "

Das  litanische  Fürstengeschlecht  der  Radziwill  hatte  in  den  Dorgängen
  Holens  von  je  eine  hervorragende  Rolle  gespielt.  Wiederholt
hatte  es  sich  auch  mit  dem  kurfürstlichen  Hause  der  RBohenzollern  verschwägert.
  Ein  Radziwill,  Kastellan  von  Wilna,  war  mit  einer  Tochter
des  Kurfürsten  Johann  Georg  vermählt  gewesen;  seine  Enkelin,  die  Erbin
von  Tauroggen  und  Serrevy,  hatte  den  Markgrafen  Ludwig,  einen  Sohn
des  Großen  Kurfürsten,  gebeiratet.  Nach  der  letzten  Teilung  Holens
hatte  sich  dann  der  Fürst  Anton,  das  HZaupt  des  reich  begüterten  und
hoch  angesehenen  Hauses,  in  Berlin  niedergelassen.  Hier  hatte  der  geistreiche
  und  kunstsinnige  Fürst,  ein  Meister  auf  dem  Cello  und  zugleich
selbst  ein  glücklicher  Komponist,  die  Neigung  der  OHrinzessin  Luise,  der
Schwester  des  Hrinzen  TCouis  (der  irrig  Louis  Ferdinand  statt  Ferdinandi  sc.
filius  genannt  wird),  gewonnen  und  sich  1796  mit  ihr  vermählt.  Von
den  sechs  Kindern,  die  der  sehr  glücklich  sich  gestaltenden  Ehe  entsproßten,
war  die  Hrinzessin  Elise  die  älteste  Tochter.  Ein  freundlicher  Derkehr
verband  die  Familie  Radzirwill  mit  den  Familien  des  königlichen  Rauses,
so  daß  sie  1806  den  königlichen  Bof  auch  nach  Königsberg  und  Memel
begleitete.  Rier  waren  die  jungen  Radziwills  die  Spielkameraden  der
königlichen  Drinzen;  und  manchmal  wurden  auch  die  Töchter  in  den  Kreis
des  Spiels  gezogen,  wie  denn  überhaupt  der  Derkehr  hier  ein  freierer
und  zwangloserer  war.  Mit  der  königlichen  Familie  kehrten  auch  die
Radziwills  wieder  nach  Berlin  zurück.

Als  nun  in  Breslau  der  RKönig  rief,  da  war  unter  denen  allen,  die
da  kamen,  auch  der  älteste  Drinz  Radziwill,  obgleich  noch  nicht  16  Jahre
alt.  Und  als  man  dann  1815  den  Friedensschluß  in  Berlin  durch  ein
Fest  bei  Hofe  feierte,  da  war  auch  die  zwölfjährige  Hrinzessin  Elise  unter
den  dabei  Mitwirkenden.  Sie  stellte  in  einer  Quadrille  die  „Freundschaft"
nach  dem  Urteile  aller  „wunderlieblich"  dar.  Und  Hrinz  Wilhelm  be-