106  Siebentes  Kapitel.

grüßte  sie  dabei  als  „Kaiser  Konrad  III.“:  ein  alle  sehr  ansprechendes
Bild!  Bei  der  Neuordnung  des  preußischen  Staates,  welche  die  Zeschlüsse
des  Wiener  Kongresses  notwendig  machten,  übernahm  Fürst  Anton  auf
den  Wunsch  des  Königs  die  Statthalterschaft  des  Großherzogtums  Hosen.
Infolgedessen  verlebte  die  Kamilie  den  Sommer  in  Dosen  oder  auf  ihrem
nahe  gelegenen  prächtigen  Landsitze  Antonin,  den  Winter  aber  brachte
sie  regelmäßig  in  Berlin  zu.  Ihr  Halais  in  der  Wilhelmstraße  ist  das
beutige  Reichskanzleramt.

Damit  stellte  sich  denn  auch  der  frühere  freundliche  Derkehr  der
Kamilie  mit  dem  HBofe  und  der  Hofgesellschaft  wieder  her.  Aber  das
Raus  Radziwill  hatte  von  vornherein  einen  eigenartigen  Charakter;  denn
der  Fürst  wie  die  Fürstin  schätzten  gleichermaßen  neben  dem  Adel  der
Geburt  den  Adel  des  Geistes.  Künstler  wie  Rauch  und  Schinkel,  Komponisten
  wie  Mendelssohn  und  Spontini  gehörten  zu  den  gern  gesehenen
Gästen  und  begegneten  sich  hier  —  was  damals  in  Berlin  noch  ungewöhnlich
  war  —  mit  der  Gesellschaft  des  Rofes.  Das  gab  der  Gesellschaft
ein  anregendes  ESlement.  Auch  Hrinz  Wilhelm  weilte  gern  in  dem  anziehenden
  Kreise.  Er  war  auch  bei  der  berühmten  Faust-Aufführung
zugegen,  die  am  24.  Mai  1820  in  dem  Halais  Radziwill  stattfand.
Fürst  Anton  hatte  die  Chöre  der  Goetheschen  Dichtung  komponiert;  die
Rollen  des  Stückes  hatten  Hersönlichkeiten  der  Hofgesellschaft  übernommen;
den  Mephistopheles  gab  der  Herzog  Karl  von  Mecklenburg  mit  hinreißender
  Meisterschaft;  nur  für  die  Rolle  des  LFaust  war  der  Hofschauspieler
Wolff  eingetreten.  Die  Wirkung  der  Aufführung,  von  der  Radziwillschen
Musik  unterstützt,  war  mächtig  ergreifend,  allen  Teilnehmenden  unvergeßlich.


So  begegnete  Hrinz  Wilhelm  vielfach  in  jedem  Winter  der  Hrinzessin
Elise,  und  ihre  lieblich  sich  entfaltende  Jugendschöne  fesselte  mehr  und
mehr  seine  TMeigung.  Im  Frühling  1820  wurde  er  jedoch  erst  sich  dessen
bewußt,  was  die  Hrinzessin  ihm  war;  und  am  11.  August  dieses  Jahres
hatte  er  auf  der  Reise  nach  Landeck  in  Fürstenstein,  wo  die  Familie
Radziwill  bei  dem  Fürsten  Hleß  zu  Gaste  war,  mit  der  Hrinzessin  eine
Unterredung,  die  ihm  die  Überzeugung  gab,  daß  die  Hrinzessin  seine  ehrliche
  und  tiefe  Neigung  voll  und  innig  erwidere.  Geschäftig  indes  bemächtigte
  sich  bald  das  Gerücht  des  Geheimnisses.  Endlich  erfuhr  auch
der  Hrinz  von  dem  Gerede:  Unmut  erfüllte  ihn,  und  er  beschloß  —  wie
er  seinem  alten  Freunde  Watzmer  schrieb  —  „Zzurückgezogener“  zu  werden;
denn  er  fürchtete  „Kollisionen“  mit  der  Familie  Radziwill.  Aber  dieser
Entschluß,  sich  „zurückzuzieben  aus  eigener  Wahl,  ohne  höheren  Befehl“,