108  Siebentes  Kapitel.

Preußen  die  Hrinzessin  Elise  durch  Adoption  ebenbürtig  machen  solle;  indes
fünf  von  den  Ministern  gaben  ihr  Urteil  dahin  ab,  daß  eine  Adoption
niemals  das  Blut  ersetzen  könne.

Jahrelang  hatte  der  Hrinz,  ja  der  König  selbst  die  wenn  auch
schwankende  Hoffnung  festgehalten,  daß  sich  immer  noch  irgend  ein  Ausweg
  aus  der  Not  zeigen  möchte.  Jetzt  mußte  um  des  Hrinzen  willen,
der  in  der  Ungewißheit  sich  aufrieb,  ein  Ende  gemacht  werden.  In
einem  von  Särtlichkeit  überströmenden  Briefe  hielt  der  mitfühlende  Vater
dem  Sohne  vor,  was  alles,  leider  vergeblich,  versucht  sei,  die  Derbindung
zu  ermöglichen;  es  bleibe  daher  dem  Hrinzen  nichts  übrig,  als  zu  entsagen,
dem  Woble  des  Staates,  des  königlichen  Hauses  eine  edle  Neigung  zu  opfern.
General  von  Witzleben  überbrachte  dem  Hrinzen  dies  Schreiben;  als  er  es
gelesen,  war  er  anfangs  ganz  wie  zerschmettert.  Dann  raffte  er  sich  auf
und  erklärte,  er  werde  dem  Willen  des  Königs  gehorchen.  „Welch  ein
Sohn!  Welch  ein  Hater!“  war  Witzlebens  Gedanke.  Und  nun  enthüllte
der  Drinz  dem  Dater  sein  ganzes  Berz,  indem  er  am  Abend  an  ihn  schrieb:

„Sie  haben,  teuerster  Dater,  die  Entscheidung  für  mein  Schicksal
gegeben,  die  ich  abnen  mußte,  aber  mich  zu  ahnen  scheute,  solange  ein
Strahl  von  Hoffnung  mir  noch  blieb.

„Lesen  Sie  in  meinem  Berzen,  um  in  demselben  den  unaussprechlichen
  Dank  zu  finden,  der  es  belebt  für  alle  die  unzähligen  Beweise
Ihrer  Gnade,  Liebe  und  Langmut,  die  Sie  mir  in  diesen  bewegten  fünf
Jahren  gaben,  vor  allem  aber  noch  für  den  unbeschreiblich  tief  mich  ergriffen
  habenden  Brief  vom  gestrigen  Tage.  Welchen  Eindruck  er  mir
gemacht,  bin  ich  nie  im  stande  zu  schildern.

„Ihre  väterliche  Liebe,  Gnade  und  Milde,  Ihre  liebevolle  Teilnahme
  bei  dem  schweren  Geschick,  das  mich  trifft,  das  Vorhalten  meiner
Oflichten  in  meinem  Stande,  die  Anerkennung  der  Würdigkeit  des  Gegenstandes,
  dem  ich  meine  Neigung  geschenkt  habe,  die  Erinnerung  an  alle
Dersuche,  welche  Ihre  Liebe  zu  Ihren  Kindern  Sie  unternebmen  ließ,
um  die  Wünsche  meines  Herzens  zu  erfüllen  —  alles,  alles  dies  in  den
Seilen  zu  finden,  die  mein  Schicksal  entschieden,  mischte  in  mein  erschüttertes
  Herz  soviel  Trost  und  so  unaussprechliches  Dankgefühl,  daß  ich
nur  durch  die  kindlichste  Liebe  und  durch  mein  ganzes  Derhalten  in
meinem  künftigen  Leben  imstande  sein  werde,  Ihnen,  teuerster  Vater,
meine  wahren  Gesinnungen  zu  bethätigen.

„Jch  werde  Ihr  Dertrauen  rechtfertigen  und  durch  Zekämpfung
meines  tiefen  Schmerzes  und  durch  Standhaftigkeit  in  dem  Unabänderlichen
  diese  schwere  Drüfung  bestehen.