110  Siebentes  Kapitel.

kommen.  „Er  ist  ein  Beweis“,  schrieb  er  an  Natzmer,  „daß  mir  das
Ceben  nicht  leicht  gemacht  wird.“  Allein  unweigerlich  kam  er  ihm  nach.

Das  großherzogliche  Haus  von  Weimar  war  mit  dem  preußischen
Königshause  durch  Freundschaft  und  Verwandtschaft  eng  verbunden.  Der
Großherzog  Karl  August  hatte  1806  fest  zu  Preußen  gestanden  und  erst
auf  das  Geheiß  König  Friedrich  Wilhelms  mit  Napoleon  Frieden  geschlossen;
und  beim  Beginn  der  Befreiungskriege  gehörte  er  zu  den  ersten,  die  freudig
auf  die  Seite  Preußens  traten.  Seine  Mutter  war  eine  Nichte  Friedrichs
des  Großen  gewesen,  und  sein  Sohn  hatte  sich  mit  der  Großfürstin  Maria
Paulowna  vermählt,  so  daß  die  beiderseitige  Verschwägerung  mit  dem
russischen  Kaiserhause  die  beiden  Familien  einander  näher  brachte.

Die  preußische  Werbung  wurde  daher  von  der  großherzoglichen
Familie  sehr  günstig  aufgenommen,  überhaupt  in  jeder  Hinsicht  dahin
gestrebt,  den  beiden  preußischen  Prinzen  die  Tage  in  Weimar  möglichst
angenehm  zu  gestalten.  Das  gelang  auch  durchaus:  sie  waren  sehr  befriedigt
  von  ihrer  Aufnahme;  aber  dem  Prinzen  Wilhelm  war  es  doch
sehr  schmerzlich,  ein  Glück  entstehen  zu  sehen,  wie  er  es  selbst  vor  wenigen
Monaten  verloren  hatte.

Das  Interesse  sammelte  sich  ganz  um  die  bräutliche  Prinzessin  Marie.
Neben  ihr  trat  ihre  jüngere  Schwester,  die  Hrinzessin  Augusta,  die  erst
15  Jahre  (geboren  am  50.  September  1811)  zählte,  auch  noch  nicht  eingesegnet
  war,  noch  zurück.  Aber  doch  glaubte  Wilhelm  von  Kumboldt
schon  Anzeichen  wahrzunehmen,  die  auf  eine  bedeutende  Entwickelung  in
der  GSukunft  ihm  hinzuweisen  schienen.  „Die  Hrinzeß“,  urteilte  er,  „hat
in  dieser  kaum  der  Kindheit  entgangenen  Jugend  einen  festen  und  selbstständigen
  Charakter.  Ihr  lebendiger,  durchdringender  Geist  spricht  aus
ihrem  Blick;  ihre  Süge  sind  im  höchsten  Grade  bedeutungsvoll,  und  ihre
Gestalt  wird  sich  in  einigen  Jahren  gewiß  noch  schöner,  als  sie  jetzt
schon  erscheint,  entwickeln."

Drinz  Wilhelm  freute  sich  der  Munterkeit  des  Wesens,  welche  die
junge  Hrinzessin  zeigte;  ihm  gefielen  die  schlagfertigen  Antworten,  die  sie
zu  geben  wußte.  Das  blieb  nicht  unbemerkt.  Denn  je  bedeutsamer  der
Eindruck  war,  den  seine  Hersönlichkeit  und  sein  ganzes  Wesen  an  dem
Weimarer  Hofe  machten,  um  so  mehr  ward  unwillkürlich  von  allen  gerade
auf  ihn  geachtet.  So  schildert  ihn  damals  der  alte  Herr  von  Gagern
dem  Freiherrn  von  Stein:  „Hrinz  Wilhelm  ist  die  edelste  Gestalt,  die
man  sehen  kann,  der  imposanteste  von  allen,  dabei  schlicht  und  ritterlich,
munter  und  galant,  doch  immer  mit  Würde.“  Und  schalkhaft  setzt  er
hinzu:  „Unsere  Hrinzessin  Augusta  schien  ihn  sehr  anzuziehen."“