112  Siebentes  Kapitel.

der  treffliche  fürst  von  dem  ganzen  preußischen  Hofe  empfangen.  Es
ist  ein  verbreiteter  Irrtum,  daß  er  den  Dorrang  in  der  Thronfolge  für
seinen  Urenkel  bei  der  Aussicht  auf  die  Kinderlosigkeit  des  Kronprinzen
und  auf  die  nicht  ebenbürtige  Dermählung  des  Hrinzen  Wilhelm  verlangt
  habe.  Davon  ist  gar  nicht  die  Rede  gewesen  und  kann  es  auch
nicht  sein,  da  Orinz  Wilhelm  sich  schon  zwei  Jahre  zuvor  der  Entscheidung
  des  Königs  unterworfen  hatie.  Nicht  von  der  traurigen  Möglichkeit
  eines  Erbfolgestreites,  sondern  von  der  erfreulichen  Möglichkeit  einer
Dermählung  des  Hrinzen  Wilhelm  mit  der  Hrinzessin  Augusta  ist  damals
gesprochen.  Doll  ehrlicher  Freude  über  diese  Eröffnung  verließ  der  greise
Kürst  Berlin,  allein  auf  der  Reimreise  in  dem  Schlosse  Graditz  bei  Torgau
überraschte  ihn  der  Tod.

Um  der  Familientrauer  willen  begab  sich  daher  Hrinz  Wilhelm  selbst
nach  Weimar,  um  sich  das  Jawort  der  Hrinzessin  Augusta  zu  holen.  Freudig
gab  sie  es  ihm  am  19.  Oktober  1828;  und  nun  verbrachte  er  noch
mehrere  fröhliche,  glückliche  Wochen  in  dem  ihm  lieb  gewordenen  Treise
der  Derwandten,  und  lebte  so  recht  mit  seiner  jugendlichen  Braut  sich
ein.  Ein  besonders  beliebtes  Siel  der  gemeinsamen  Ausflüge  war  die
Walkmühle,  die  nicht  weit  von  dem  freundlichen  Schlosse  Belvedere  in
anmutigem  Grund  am  rechten  Ufer  der  Ilm  liegt.  Hier  hatten  die
jungen  Hrinzessinnen  Marie  und  Augusta  ungehindert  oft  ihre  frohen
Kinderspiele  getrieben,  hatten  sich  auf  der  großen  Schaukel  im  Hofe  geschaukelt,
  hatten  auf  dem  Ackerpflug  geritten  und  waren  auf  den  Wagen
geklettert,  nicht  eben  zum  Dorteil  der  Kleider.  „Ei,  ei,  Hrinzeßchen",
hatte  dann  wohl  die  alte  Großmutter  Dent  in  der  Mühle  gemahnt,  „was
wird  man  dazu  sagen,  wenn  ihr  so  ins  Schloß  kommt!“  Aber  dann
brachte  sie  Milch  und  Honig  herbei  zur  ländlichen  Bewirtung,  und  der
Schmerz  über  das  Loch  im  Kleide  war  schnell  überwunden.  Mun  mußte
auch  der  fürstliche  Zräutigam  die  Mühle  und  die  alte  Großmutter  kennen
lernen.  Er  wurde  hinaufgeführt  in  die  „blaue“  Stube,  die  aus  ibren
vier  Fenstern  eine  hübsche  Aussicht  auf  das  schäumende  Wehr  bis  nach
dem  waldigen  Belvedere  hinüber  darbot.  Am  runden  Tisch  in  der  MWitte
der  Stube  wurden  die  hohen  Gäste  mit  den  besten  Forellen  und  Krebsen
bewirtet,  die  der  Bach  bot,  oder  sie  saßen  draußen  auf  dem  HBofe  auf
einem  Baumstamme  in  traulichem  Geplauder.  Und  so  wert  waren  der
jungen  Braut  die  Erinnerungen  an  die  Walkmühle,  daß  sie  auch  in
späteren  Jahren  noch  oft  dorthin  zurückgekehrt  ist.

Der  Tod  der  Großmutter  der  Braut,  der  nicht  gar  lange  zuvor
erfolgt  war,  verbot  indessen  noch  die  Deröffentlichung  der  Derlobung.