Ein  Jahrzehnt  ruhigen  Glückes.  119

Der  zweite  Teil  des  Spieles  brachte  die  Darstellung  lebender  Bilder
im  Schlosse.  Während  unsichtbare  Geister  einen  Wechselgesang  aufführten,
erschien  in  einem  Zauberspiegel  die  Erinnerung.  Sie  trug  einige  Verse
vor,  während  deren  sich  eine  Ansicht  von  Berlin  entwickelte.  Im  Vorder—
grunde  derselben  stand  ein  weißer  Rosenstock,  gepflegt  und  bewacht  von
den  Genien  der  Ciebe,  der  Treue  und  des  Glücks.  Unter  leiser  Gesangesbegleitung
  schwebten  die  Jahreszeiten  vorüber.  Dann  wandelte  sich  das
Bild:  man  sah  das  Riesengebirge.  An  den  Abhängen  gelagert,  ergötzten
sich  Flußnymphen  mit  Gesängen.  Aber  der  Berggeist  Rübezahl  tritt  unter  sie
und  gebietet  ihnen  Schweigen:  er  sei  entschlossen,  ein  Ungewitter  zu
senden,  damit  die  Anwesenden  die  Stärke  ihrer  Liebe  und  Treue  erproben
  könnten.  Zugleich  verdunkelt  sich  der  Himmel,  Blitze  zucken,  der
Donner  rollt.  Klagesang  ertönt,  aber  indem  er  allmählich  in  ein  Siegeslied
  übergeht,  entwickelt  sich  aus  dichtem  Hulverdampfe  Bellona.  Ein
Held  tritt  auf,  külne  Kriegsthaten  berichtend,  während  deren  im  Binter-9grunde
  Moskau  sich  zeigt,  über  dem  eine  Lichtgestalt  schwebt.  Ihre
Worte  weisen  auf  die  schöne  Segenwart  hin;  aber  Kronos  tritt  hinzu
und  mahnt  zu  Roffnung  und  Dertrauen  auf  eine  schöne  Sukunft.  Und
mit  prophetischem  Gesange,  umringt  von  Genien  kündet  Aurora
diese  an.

Den  dritten  Teil  des  Spieles  endlich  bildete  ein  Ball  im  Muschelsaale
  des  Schlosses.  Ihn  eröffnete  eine  Quadrille,  getanzt  von  zwanzig
Haaren  in  mittelalterlicher  Tracht,  in  den  Farben  der  Karussellritter.  An
die  vierzehn  Sieger  im  Karussellreiten  aber  teilte  während  der  folgenden
Tänze  die  Kaiserin  selbst  kostbare  Hreise  aus:  türkische  Säbel,  goldene
Ketten,  silberne  Becher.  Sum  Schlusse  des  Festes  wurde  endlich  jedem
Teilnehmer  desselben  als  Erinnerungszeichen  eine  silberne  weiße  Rose
an  weißem  Bande  überreicht.

Auch  im  nächsten  Jahre  wieder  hatte  sich  die  preußische  Königsfamilie
  eines  Besuches  der  russischen  Kaiserfamilie  zu  erfreuen.  Es  war
in  Fischbach  bei  Rirschberg  in  Schlesien,  wo  sie  sich  trafen.  Hrinz  Wilhelm
  wohnte  unterdes  in  dem  nahe  gelegenen  Schloß  Erdmannsdorf  bei
dem  Feldmarschall  Gneisenau.  Er  machte  von  hier  aus  manche  Ausflüge
  in  das  Riesengebirge,  erstieg  auch  den  Gipfel  desselben,  die  Schneekoppe,
  die  einen  weiten  Rundblick  über  Schlesien  und  Böhmen  gewährt.
Danach  begab  er  sich,  von  seiner  jungen  Gemahlin  begleitet,  nach  dem
Baag,  um  seine  jüngste  Schwester,  die  Hrinzessin  Friedrich  der  Triederlande,
  zu  besuchen.  Während  er  bei  dieser  weilte,  brach  in  Haris  die
Julirevolution  aus.  Bald  schlugen  deren  Wellen  auch  über  die  Grenz-