Ein  Jahrzehnt  ruhigen  Glückes.  127

Wilhelm  führte  dabei  die  aus  Hreußen  und  Russen  kombinierte  Reserve-Kavalleriedivision;
  aber  er  löste,  das  durch  die  Umstände  Gebotene  geschickt
  erfassend,  die  schwierige  Aufgabe,  ohne  alle  Horbereitung  ein  so
verschiedenartig  gemischtes  Kavalleriecorps  zu  führen  und  damit,  dem
Wesen  der  Reservekavallerie  entsprechend,  überall  entscheidend  in  den
Gang  des  Gefechts  einzugreifen,  mit  größtem  Erfolge.  Als  der  künftige
Beerführer  erschien  er  selbst  den  erfahrenen  Generalen,  der,  wenn  der
Tag  es  fordere,  wohl  seine  Truppen  zum  Siege  zu  führen  verstände.

Am  22.  September  fand  der  Abmarsch  der  preußischen  Truppen
statt.  Wohl  hatten  die  russischen  Offiziere  durch  schwelgerische  Gelage,
bei  denen  der  Champagner  in  Strömen  floß,  durch  TLustbarkeiten  aller
Art,  durch  Theater  und  Ballett  die  preußischen  Kameraden  für  sich  einzunelmen
  gestrebt;  aber  die  preußischen  Offiziere,  die  es  jenen  nicht
gleichthun  konnten  oder  wollten,  hielten  sich  sehr  reserviert.  Toch  weniger
stimumten  die  Mannschaften  zu  einander.  Denn  die  Hreußen  waren  an
Bildung  den  Russen  weit  voraus,  die  damals  noch  unter  der  NKnute
standen;  für  die  Hreußen  war  der  Soldatenstand  eine  Ehre,  aus  dem  ausgestoßen
  zu  werden  eine  empfindliche  Strafe  ist;  bei  den  Russen  aber
war  es  gewöhnlich,  daß  Verbrecher  zur  Strafe  unter  die  Soldaten  gesteckt
  wurden.  So  trug  das  Feldlager  bei  Kalisch,  statt  die  Waffenbrüderschaft
  zu  fördern,  vielmehr  sehr  viel  dazu  bei,  den  preußischen  Soldaten
zum  Bewußtsein  zu  bringen,  ein  wie  großer  Unterschied  in  Wahrdheit  sie
von  den  Russen  trennte.  Und  das  sollte  dem  scharf  beobachtenden  Hrinzen
Wilhelm  entgangen  seind  Wohl  hat  er  stets  auf  ein  freundliches  Derhältnis
  zu  Rußland  großes  Gewicht  gelegt,  aber  eine  Waffengemeinschaft
mit  ihnen  Seit  seines  Lebens  erfolgreich  zu  vermeiden  verstanden.

Eine  Folge  der  militärischen  Tüchtigkeit,  von  welcher  der  Hrinz
Wilhelm  auch  bei  Kalisch  so  helle  Beweise  gegeben,  war  es,  daß  der
König  ihm  am  50.  März  1850  das  Kommando  des  Gardecorps  übertrug.
  Allein  die  neue  Thätigkeit,  die  sich  daraus  für  ihn  ergab,  wurde
bald  durch  eine  heftige  Brustfellentzündung  für  längere  Seit  unterbrochen.
Seine  Gesundheit  war,  auch  nachdem  er  die  schwere  Krankheit  überstanden
  hatte,  so  angegriffen,  daß  er  zur  Badekur  sich  nach  Ems  und
danach  nach  Baden  begeben  mußte.  Su  seiner  Erholung  unternahm  er
dann  mit  seiner  Gemahlin  eine  Reise  durch  die  Schweiz  bis  nach  Oberitalien
  hinein.  In  Genf  wohnte  er  als  „Graf  von  Lingen“  im  Hotel
des  Bergues.  Während  die  Hrinzessin  nach  der  langen  Fahrt  sich  ausruhte,
  machte  er  doch  gleich  —  es  war  am  17.  September  —  bequem
in  einen  sommerlichen  Reiseanzug  gekleidet,  sich  auf,  die  Stadt  in  Augen-