128  Achtes  Kapitel.

schein  zu  nehmen.  Der  Dampfer  von  Mortigny  nahte.  Die  anlangenden
Fahrgäste  sich  anzusehen,  blieb  der  Prinz  an  der  Landungsbrücke  stehen.
Da  ertönte  aus  der  Reihe  der  Landenden  heraus  eine  fröhlich-jugendliche
Stimme:  „Ach,  Onkel  Wilhelm!“  Und  mit  freudigem  Ungestüm  stürmte
der  junge  Erbgroßberzog  von  llecklenburg-Schwerin  auf  ihn  zu,  der
älteste  Sohn  der  Hrinzessin  Alexandrine,  seiner  Schwester,  die  seit  1822
mit  dem  Großherzoge  Haul  Friedrich  von  llecklenburg-Schwerin  auf  das
glücklichste  vermählt  war.  Der  16  jährige  Erbgroßherzog  Friedrich  war
als  „Graf  von  Grabow“  mit  seinem  Gouverneur,  dem  Hauptmann
von  Sell,  und  seinem  jungen  Freunde,  dem  Grafen  Rudolf  Canitz,  auf
einer  Alpenreise  begriffen.  Frei  zeigte  er  die  außerordentliche  Freude,
mit  der  die  Begegnung  ihn  erfüllte;  denn  gerade  an  seinem  Onkel
Wilhelm  hing  er  mit  ganzer  Hingebung,  und  auch  Hrinz  Wilhelm  war
dem  frischen  und  offenberzigen  Neffen  sehr  gewogen.  Sofort  nahm  er
ihn  und  dessen  Begleiter  mit  sich  in  das  Botel  und  behielt  ihn  auch  zu
Tische  bei  sich.  Den  Abend  wurde  gemeinschaftlich  das  Theater  besucht.
Man  gab  Le  précepteur  en  embarras:  ein  Stück,  das  alle  ungemein  belustigte,
  da  sich  scherzhafte  Anspielungen  auf  die  Derhältnisse  des  jungen
Erbgroßherzogs,  der  noch  das  Hlochmannsche  Erziehungs-Institut  in
Dresden  besuchte,  ungesucht  ergaben.

Mit  gleichmäßigen  Schritten  nach  der  Reimkehr  des  Hrinzen  Wilhelm
ging  der  Winter  dahin.  Als  aber  der  Frühling  kam  und  der  frähliche
Monat  Wai  begann,  legte  dunkel  schattend  eine  Wolke  sich  über  das
preußische  Herrscherhaus.  Denn  die  Gesundheit  des  fast  70  jährigen
Königs  erschien  bedenklich  erschüttert  und,  wie  der  Mai  vorschritt,  konnte
man  sich  nicht  verhehlen,  wie  die  Kraft  abnahm  und  er  von  Woche  zu
Woche  mehr  verfiel.  Man  erzählte  sich,  daß  im  Berliner  Schlosse  „die
weiße  Frau“  sich  gezeigt,  was  nach  der  Sage  stets  geschieht,  wenn  ein
gekröntes  Raupt  des  Bohenzollernhauses  sich  zum  Grabe  neigt.  Andere
wollten  wissen,  daß  vor  langer  Seit  schon  in  Haris  die  vielgenannte
Wahrsagerin  Lenormand  für  dies  Jahr  den  Tod  vorausgesagt  habe.
Und  den  Rönig  selbst  bewegte  die  Thatsache,  daß  seit  Jahrhunderten  mit
dem  Jahre  40  ein  Regentenwechsel  in  Brandenburg-Hreußen  sich  fast
regelmäßig  verbunden  hat.  „Sie  werden  sehen“,  sagte  der  König
im  Gespräch,  „auch  diesmal  trifft  es  zu.“  Manche  wollten  ein  Vorzeichen
  auch  darin  sehen,  daß  in  einer  Gesellschaft  bei  dem  Hrinzen
Wilhelm  ein  großes  Stück  von  dem  Stuckschmuck  der  Decke  gerade  dicht
vor  dem  Könige  niedergefallen  sei  als  Andentung:  bis  hierber  und  nicht
weiter!