130  Achtes  Kapitel.

7.  Juni  traf  auch  der  Kaiser  Nikolaus  ein.  Es  war  am  ersten  Ofingsttage.
  Um  1  Uhr  erklärten  die  Ärzte,  daß  dem  Sterbenden  nur  noch
wenige  Stunden  beschieden  seien.  Da  traten  die  Mitglieder  der  könig—
lichen  Kamilie  an  ihn  heran,  um  für  dies  Leben  Abschied  von  ihm  zu
nehmen.  Er  war  bei  klarem  Bewußtsein  und  erkannte  jeden;  den  Hrinzen
Wilhelm  sah  er  lange  an,  dessen  Hand  festhaltend,  und  versuchte  zu
sprechen:  aber  die  Stimme  versagte  ihm.

Die  Fürstin  von  Ciegnitz,  mit  welcher  der  König  am  0.  Movember
1824  in  aller  Stille  morganatisch  sich  vermählt  hatte,  die  treue  Pflegerin
des  Sterbenden,  saß  vor  seinem  Bette,  seine  Hand  zwischen  den  ihren
haltend.  Da  that  er  um  5  Uhr  20  Minuten  fast  unmerklich  den  letzten
Atemzug.  Die  Anwesenden  sanken  auf  die  Kniee.  Der  Kronprinz  drückte
ihm  die  Augen  zu.

Am  11.  Juni  wurde  der  entschlafene  König  mit  aller  Feierlichkeit
im  Dome  beigesetzt,  in  der  folgenden  Nacht  aber  in  aller  Stille  nach  dem
Mausoleum  in  Charlottenburg  übergeführt.  Denn  an  der  Seite  der
Königin  Cuise  hier  zu  ruhen  —  so  hatte  er  es  gewollt.

Der  Tod  König  Friedrich  Wilbelms  III.  bedeutete  nicht  einen  Thronwechsel;
  er  bedeutete  den  Abschluß  einer  ganzen  Epoche  der  preußischen
Geschichte.  Der  König  war  kein  Mann  weit  ausgreifender  Entwürfe
und  kühner  Hläne  gewesen.  Aber  er  war  durch  die  schwere  CLeidenszeit
Dreußens,  die  er  mit  seinem  Dolke  gemeinsam  ertrug,  dem  Dolke  ans
Berz  gewachsen;  er  hatte  in  langer  Friedenszeit  die  Regierungsmaschine
streng  nach  der  Dorschrift  des  Gesetzes,  indem  er  die  eigene  Herson  durchaus
  zurücktreten  ließ,  in  gleichmäßigem,  sorgsam  überwachtem  Gange  gehalten,
  ja  durch  die  persönliche  Derehrung,  die  er  bei  seinem  Dolke  genoß,
allein  gegen  das  Seitbewußtsein  die  absolute  Regierungsform  in  Hreußen
bis  an  seinen  Tod  aufrecht  erhalten.

Unter  diesem  ruhig  festen  Walten  hatte  Drinz  Wilbelm  sich  ungestört
  der  Arbeit,  die  sein  Beruf  ihm  vorschrieb,  widmen  können.  Aber
jetzt  war  der  König  tot;  und  in  diesem  war  ihm  auch  der  Dater  gestorbenn,
  mit  dem  ein  festes  Band  gegenseitigen  Dertrauens  ihn  verbunden.

Nun  aber  kam  eine  neue  Seit  herauf  mit  neuen  Sielen  und  neuen
Aufgaben,  zu  denen  er  nach  eigenem  Urteile  Stellung  zu  nehmen  hatte.
Wie  würde  er  —  mochte  er  wohl  selbst  sich  fragen  —  dazu  imstande  sein?