138  Erstes  Kapitel.

ihn  geschah,  der  mit  seinem  Rat  sich  niemals  vordrängte,  aber,  wo  man
seiner  begehrte,  mit  dem  freien  Ausdruck  seiner  Meinung  nicht  zurückhielt.

Schnell  hatten  die  ersten  Regierungshandlungen  des  neuen  Königs
ihhm  die  volle  Sympathie  seines  Dolkes  erworben.  Ein  Geist  der  Dersöhnung
  wehte  in  ihnen,  als  gälte  es  früher  Derfehltes  wieder  gut  zu
machen.  Eine  Amnestie  für  alle  politischen  Vergehen  und  Verbrechen
war  erlassen  und  bedentungsvolle  Schritte  gethan,  in  Berlin  den  Deutschen
einen  geistigen  Mittelpunkt  zu  geben.  Mit  den  aufrichtigsten  Freudenbezeugungen
  begleitete  daher  das  preußische  Volk  die  Reise  seines  Königs
nach  Königsberg,  wo  er  nach  altem  Brauche  die  Buldigung  der  nicht
zum  Deutschen  Bunde  gehörenden  Hrovinzen  Dreußen  und  Dosen  entgegennahm;
  und  erhebend,  begeisternd  war  die  Feier,  die  auf  dem
inneren  Hofe  des  alten  Königsberger  Schlosses  am  10.  September  1840
stattfand.

Indes  schon  auf  die  HZuldigungsfeier  in  Berlin  am  15.  Oktober
legte  sich  ein  Schatten.  Die  Stände  der  Drovinz  Hreußen  hatten  den
König  um  die  Derleihung  einer  Derfassung  für  den  preußischen  Staat
gebeten.  Die  Antwort  des  Königs,  sie  könnten  in  vollstem  Maße  seinen
Absichten  über  die  Institution  der  LCandtage  vertrauen,  hatten  sie  als
Gewährung  ihrer  Bitte  aufgefaßt.  Es  gab  daher  Derstimmung,  als  der
König  dies  für  eine  irrige  Ansicht  erklärte.  Dennoch  war  auch  der  Eindruck
  der  Zuldigungsfeier  in  Berlin  bedeutend,  wenn  auch  der  Jubel
nicht  so  laut  wie  in  Königsberg  schallte.  Mit  Recht  konnte  der  König
Suversicht  zu  dem  großen  Unternebhmen  fassen,  das  er  seit  Jahren  schon
in  der  Seele  trug:  Hreußen  eine  Derfassung  aus  eigener  Entschließung
heraus  zu  geben.  An  das  Bestehende  gedachte  er  dabei  anzuknüpfen  und
von  diesem  aus  Schritt  für  Schritt  zu  weiteren  Entwickelungen  zu  gelangen.
  So  bewilligte  er  1842  den  Hrovinziallandtagen  Heriodizität
und  Effentlichkeit  der  Derhandlungen.  Sugleich  wurden  die  Landtage
zur  Bildung  von  Ausschüssen  ermächtigt  für  Fragen,  die  mehrere  oder
alle  Drovinzen  angingen.

Aber  war  das,  was  der  König  unter  Herfassung  verstand,  auch
das,  was  das  Dolk  damit  meinte?  Die  politische  Tagesmeinung  sah  in
der  Hariser  „Charte“  ihr  Jdeal.  Allein  von  einer  Dolksvertretung  nach
einem  solchen  fremden  Muster  wollte  der  König  nichts  wissen;  er  glaubte,
die  neuen  Gewährungen  zuerst  erproben  zu  sollen,  bevor  er  weiterginge.
Er  begab  sich  zur  Taufe  des  Hrinzen  von  Wales  nach  England;  die
Fortführung  der  Regierungsgeschäfte  übertrug  er  währenddessen  dem
Drinzen  von  Hreußen.