144  Erstes  Kapitel.

dem  Prinzen  von  Preußen  zugestellt.  Auch  in  die  damals  eingesetzte
Verfassungskommission  wurde  der  Prinz  nicht  berufen.

Während  diese  nun  ihre  Beratungen  hielt,  um  die  Gedanken  des
Königs  zu  fördern,  arbeitete  der  Prinz  von  Preußen  in  der  Stille  eine
ausführliche  Denkschrift  aus,  in  welcher  er  seine  Ansichten  über  die  Ver—
fassungsfrage,  den  veränderten  Verhältnissen  Rechnung  tragend,  mit
vollster  Klarheit  entwickelte.  Am  20.  November  1845  übersandte  er  sie
dem  Könige,  indem  er  dabei  schrieb:  „Brüderlichst  lege  ich  diese  große
Angelegenheit  Dir  ans  Herz,  tief  ergriffen  davon,  daß  ich  mich  Deinen
plänen  nicht  anschließen  kann.“

Diese  Denkschrift  läßt  uns  einen  tiefen  Blick  in  das  Innere  des
Prinzen  thun.  Scharf  faßt  er  die  nun  einmal  gegebenen  Verhältnisse
auf  und  sucht  ihnen,  ohne  die  leitenden  politischen  Grundsätze  seines
Lebens  aufzugeben,  voll  gerecht  zu  werden.  So  hatte  er  vormals  auf
dem  Boden  des  politischen  Testamentes  seines  königlichen  Vaters  gestanden,
aber  als  die  Seit  darüber  hinwegging,  auf  die  Durchführung  der  Grundsätze
  desselben  verzichtet.  So  kündigte  der  König  jetzt  seine  Absicht  an,
neben  den  Orovinziallandtagen  und  den  vereinigten  Ausschüssen  noch,
einen  vereinigten  Landtag=  zu  berufen,  und  der  Prinz  ist  entschlossen,  sich
auf  den  damit  geschaffenen  Boden  zu  stellen.  Nicht  die  Gedanken  seines
königlichen  Zruders  zu  hemmen  ist  sein  Siel,  sondern  die  neue  Institution.
mit  dem  rechten  Inhalt  zu  erfüllen.  Auf  die  praktische  Frage  kommt  es
ihm  an,  wie  das  eine,  was  ihm  das  Wesen  des  preußischen  Staates  ist,
die  lebendige  Macht  der  Krone,  neben  der  ungefügen  dreifachen.  Gliederung
  der  gegebenen  ständischen  Körperschaften  bestehen  soll.  Das  ist
dieselbe  glückliche  Dereinigung  von  Festigkeit  und  besonnener  Nachgiebigkeit,
  welcher  der  Hrinz  dermaleinst  als  Berrscher  so  große  Erfolge  mit
verdanken  sollte.

Der  Hrinz  ist  durchaus  der  Meinung,  daß  die  Derheißungen,  die
sein  Dater  vorzeiten  dem  preußischen  Dolke  gegeben,  erfüllt  werden  müssen.
Deswegen  ist  er  mit  der  Schaffung  einer  reichsständischen  Dersammlung
zur  Dertretung  des  Holkes  einverstanden;  er  denkt  sie  sich  etwa  150  Mitglieder
  stark  aus  den  Drovinzialständen  entnommen.  Aber  er  sieht  eine
Gefahr  für  die  Krone  darin,  daß  die  Reichsstände  die  Beratung  von
Steuervorlagen  zum  Erzwingen  neuer  Gesetze  mißbrauchen  könnten  oder
auch  umgekehrt.  „Hreußens  politische  und  geographische  Lage  aber“,
sagt  er  in  dieser  Denkschrift,  „als  Großmacht  im  europäischen  Staatenbunde
  und  zugleich  als  Teil  des  Deutschen  Zundes  erlaubt  nicht,  daß
dessen  Monarch  durch  konstitutionelle  Institutionen  in  seinem  freien  Be-