150  Sweites  Kapitel.

mache  es  notwendig,  die  Berrenkurie  für  sich  allein  tagen  zu  lassen.
Denn  den  stürmischen  Verhandlungen  einer  großen  Dersammlung,  wo
„alle  Wirren  der  politischen  Leidenschaften  sich  zügellos  Luft  machen“
würden,  dürften  die  Hrinzen  nicht  ausgesetzt  werden.  Auch  die  angeordnete
  Derstärkung  der  Herrenkurie  scheint  ihm  noch  unzulänglich.
Seine  Meinung  ist,  dadurch  daß  man  sie  ehre,  die  Aristokratie  ganz  zu
gewinnen.  „Denn  nur“,  betont  er,  „wenn  bei  ständischen  Institutionen,
wie  sie  jetzt  geschaffen  werden  sollen,  das  Sweikammersvstem  angenommen
  wird,  ist  Beil  und  Segen  noch  für  die  Sukunft  des  Daterlandes
zu  erwarten.“

Wohl  mochten  hie  und  da  die  Befürchtungen  des  Hrinzen  zu  weit
gehen:  aber  wie  viel  wahre  und  tiefe  Gedanken  enthielt  die  Denkschrift!
Dennoch  gewann  sie  keinen  Einfluß  auf  die  Entschließungen  des  Königs:
er  bestätigte  endgültig  die  Entwürfe  nach  den  Beschlüssen  der  Immediatkommission.
  Und  der  Drinzd  Mit  selbstlosem  Gehorsam  stellte  er  sich
auf  den  Boden,  der  durch  die  Entscheidung  des  RKönigs  gegeben  war.
Fest  blickte  er  dem  Kommenden  ins  Angesicht.

So  erschien  denn  am  .  Februar  1847  das  Datent,  welches  den
Dereinigten  Landtag  mit  reichsständischen  Befugnissen  schuf.  Mit  Bedacht
hatte  der  König  den  Jahrestag  des  Aufrufes  zur  Bildung  freiwilliger
JZägercorps  gewählt;  denn  wie  jener  Aufruf,  so  sollte  auch  dies  Hatent
der  Ausgangspunkt  einer  neuen  glänzenden  Epoche  der  Geschichte  Dreußens
werden.  Es  trug  allein  die  Unterschrift  des  Königs;  als  Ausdruck  seines
persönlichen  Willens  sollte  es  erscheinen.  Die  dem  OHatente  beigefügten
Ausführungs-Derordnungen  aber  waren  von  dem  gesamten  Staatsministerium
  unterzeichnet;  obenan  stand  der  Name  des  Hrinzen  von  Hreußen.

Wohl  machte  es  in  ganz  Europa  den  größten  Eindruck,  daß  nun
auch  das  altmonarchische  Hreußen  sein  König  aus  freier  Bewegung  zu
einer  ständischen  Derfassung,  die  bald  doch  in  eine  konstitutionelle  sich
wandeln  würde,  hinüberführe.  Allein  von  der  freudigen  Dankbarkeit,
die  der  König  von  seinem  Volke  erwartete,  wollte  sich  nicht  viel  zeigen.
Swar  an  eine  parlamentarische  Regierungsform  dachten  die  wenigsten  in
Oreußen;  aber  man  fand  die  alten  Derheißungen  der  Jahre  1815  und
1820  nicht  im  vollen  Maße  erfüllt,  vor  allem  erschien  die  Ablehnung
jährlich  wiederkehrender  Landtage  als  ein  Widerspruch  gegen  das  Gesetz
von  1820.

Am  Sonntag,  den  II.  April  1847,  eröffnete  der  König  im  Weißen
Saale  des  Schlosses  den  Landtag  mit  einer  glänzenden  und  inhaltsschweren
  Rede,  deren  Röhepunkt  die  feierliche  Derwahrung  gegen  die