Das  Jahr  1848.  163

und  Hetzer  der  Dolksmassen,  die  Aufwiegler,  welche  nach  Berlin  gekommen
  waren,  um  hier  einen  Aufstand  zu  entfachen,  hatten  am  Abend  vor—
her  in  den  Stadtbezirken  den  Antrag  durchgebracht,  daß  die  Anwesenden
am  18.  März  um  1  Uhr  mittags  nach  dem  Schloßplatze  ziehen  sollten,
um  von  dem  Könige  Bewaffnung  der  Bürgerschaft  und  Entfernung  des
Militärs  zu  verlangen.  Dementsprechend  füllte  sich  der  leer  werdende
Schloßplatz  sehr  schnell  wieder  mit  Arbeitern  und  Bandwerksgesellen.
Ein  unruhiges  Drängen  und  Wogen  in  der  dicht  gescharten  Menge  begann,
  so  daß  ein  Sug  Dragoner  von  der  Stechbahn,  zwei  Kompanien
des  Kaiser  Franz-Regiments  aus  den  Hortalen  des  Schlosses  vorrückten,
um  den  Platz  langsam  zu  räumen.  Da  fiel  ein  Schuß  von  der  Königsstraße
  her:  das  war  das  Signal.  Ein  Mann  in  einem  hohen  weißen
Filzlute  hatte  ihn  abgefeuert.  Niemand  kannte  ihn;  wahrscheinlich  war
es  einer  der  fünf  Sendlinge  des  Hariser  Agitationskomitees.  Hfeifend  und
schreiend  drängte  die  Masse  über  die  Kurfürstenbrücke  vor.  In  dem  Gedränge
  gingen  zwei  Grenadieren  die  Gewehre  los.  Niemand  war  verletzt;
die  Kugeln  waren  in  die  Luft  gegangen.  Allein  ein  wildes  Geschrei  erhob
sich;  die  Akenge  stob  auseinander,  und  alles  rief  nach  Waffen.  An  den
Straßenzugängen  wurden  Barrikaden  errichtet,  und  geängstigt  schlossen  die
Bürger  die  Hausthüren,  die  Kaufleute  ihre  Läden.  Die  Betzereien  hatten
ihre  Wirkung  gethan:  die  tobenden  Rotten  erboben  zum  Kampfe  die  Faust.

Den  Gberbefehl  über  die  in  Berlin  anwesenden  Truppen  führte
der  Generalleutnant  von  Hrittwitz.  Es  waren  nicht  mehr  als  14  250
Mann  mit  56  Geschützen.  Alsbald  ging  er  zum  Angriffe  vor:  Barrikade
um  Barrikade  wurde  erstürmt;  denn  wo  die  Truppen  angriffen,  siegten
sie  auch.  Aber  doch  vermochten  sie  nur  langsam  vorzudringen,  nicht  als
ob  sie  so  tapferen  Widerstand  gefunden  hätten,  sondern  weil  der  König,
in  seinem  Herzen  tief  betrübt  über  den  unseligen  Kampf,  sich  nur  mit
größtem  Widerstreben  dazu  entschließen  konnte,  wenn  eine  Hosition  genommen
  war,  den  Befehl  zu  weiterem  Vorrücken  der  Truppen  zu  geben.
Denn  immer  wieder  hoffte  er,  durch  friedliche  Mittel  den  „traurigsten
Kampf“  zu  beendigen,  das  unbegreifliche  „Mißverständnis“  aufzuklären.
Er  konnte  es  nicht  fassen,  daß  die,  die  ihm  eben  noch  zugejubelt  und
Lebehochs  dargebracht,  jetzt  auf  den  Barrikaden  gegen  ihn  ständen:  ein
Irrtum,  so  groß,  wie  er  nur  gedacht  werden  kann,  der  freilich  das  Thun
des  Königs  erklärlich  macht.  Aufgehellt  haben  ihn  auch  erst  die  Totenlisten
  des  Barrikadenkampfes,  aus  denen  sich  ergiebt,  daß  fast  nichts  wie
arbeitslose  Kandwerksgesellen,  Arbeiter  und  fremder  Suzug  auf  den

Barrikaden  gekämpft  haben.
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