Das  Jahr  1848.  173

versammlung.  Aber  die  vernünftigere  Bürgerschaft  sprach  sich  mit  solcher
Entrüstung  dagegen  aus,  daß  jene  für  gut  befanden,  die  Sache  für  ein
Mlißverständnis  zu  erklären.  Nur  eine  friedliche  Dolksversammlung
wurde  nach  den  Zelten  berufen.  Indes  durch  wilde  stachelnde  Reden
wurden  die  Tausende,  die  sich  zusammengefunden,  in  solche  Aufregung
versetzt,  daß  sie  durch  den  Tiergarten  nach  der  Wilhelmsstraße  vor  das
Botel  des  Ministerpräsidenten  Camphausen  zogen  und  diesem  durch  eine
Deputation  erklären  ließen:  es  sei  der  Wille  des  Dolkes,  daß  der  Hrinz
von  Oreußen  nicht  heimkehre.

„Wer  ist  denn  eigentlich  das  Dolkd“  fragte  der  Minister  ironisch
und  fügte  dann  ruhig  hinzu,  daß  er,  da  das  ganze  Ministerium  die
Bitte  um  Rückkehr  des  Hrinzen  an  den  König  beschlossen  habe,  einseitig
diese  Maßregel  nicht  zurücknehmen  könne.

So  abgewiesen,  zogen  die  Dolksmassen  die  Linden  hinauf  zu  dem
Dalais  des  Hrinzen.  Einige  freche  BZuben  warfen  ein  paar  Fensterscheiben
  ein;  dann  wurde  die  Mkenge  zerstreut.

Caut  wurden  aber  auch  von  der  andern  Seite  Stimmen  damals
vernommen,  die  zu  einem  festlichen  Empfange  des  Hrinzen  aufriefen.
„Ich  habe“  —  schrieb  Graf  Wilhelm  von  HBenckel-Donnersmarck  —
„diesen  Herrn  von  Kindbheit  an  beobachtet  und  kann  nach  Oflicht  und
Gewissen  sagen,  daß  wohl  selten  ein  Hrinz  so  viele  herrliche  Eigenschaften
in  sich  vereinigt,  wie  er:  leutselig,  treu,  gewissenhaft,  wohlwollend,  wahr,
mit  rastlosem  Fleiße  das  ihm  Aufgetragene  ausführend,  ein  wahrhafter
Freund  seinen  Freunden,  gern  helfend,  kurzum  ein  würdiger  und  ihm  in
allen  Tugenden  äbnlicher  Sohn  seines  unvergeßlichen  Daters.  Daher
—  laßt  ihn  uns  jubelnd  empfangen,  der,  da  ein  Krieg  mir  unvermeidlich
  erscheint,  an  der  Spitze  der  Armee  es  recht  bald  beweisen  wird,
daß  er  ein  echter  Rohenzoller,  ein  durch  und  durch  guter  Hreuße  ist,
dessen  heiligste  Oflicht  es  stets  sein  wird,  das  teure  Daterland  aus  der
ihm  drohenden  Gefahr  zu  retten.“

Am  22.  Wai  fand  die  Eröffnung  der  Mationalversammlung  „zur
Dereinbarung  der  Derfassung“  im  Weißen  Saale  des  Schlosses  statt.
Mit  welchem  Prunke  war  ein  Jahr  zuvor  an  derselben  Stelle  der  Ver—
einigte  Landtag  eröffnet  worden!  Jetzt  ging  alles  geschäftsmäßig-kühl
vor  sich.  Die  glänzende  Einrichtung  des  Saales  war  entfernt.  Einfache
Rohrstühle  waren  in  weitem  Halbkreise  vor  dem  rot  gepolsterten  Thronsessel
  aufgestellt;  und  eben  solche  Stühle  standen  rechts  vom  Throne  für
die  Hrinzen,  links  für  die  Minister.  Der  Hlatz  des  Hrinzen  von  Hreußen
war  leer.