176  Drittes  Kapitel.

Verhaltens  gedachte,  welches  das  Gardecorps  unter  dem  Kommando  des
Generals  unentwegt  gezeigt.

Aber  das  Hreußen,  in  das  der  Hrinz  jetzt  heimkehrte,  war  doch  ein
anderes,  als  das  er  verlassen  hatte.  In  Berlin  tagte  die  Kational-=versammlung,
  zur  Vereinbarung  der  Derfassung  berufen.  Swar  bildete
in  ihr  die  demokratisch  gesinnte  Linke  nur  die  Minderheit,  aber  durch
ein  konsequent  fortgesetztes  Einschüchterungssvstem  hatte  sie  erreicht,  daß
von  den  Unentschiedenen  unter  den  Abgeordneten  je  länger  je  mehr  sich
ihr  angeschlossen.  Denn  im  Kastanienwäldchen  vor  der  Singakademie,
wo  die  Sitzungen  stattfanden,  lungerten,  von  demokratischen  Hetzern  aufgereizt,
  Döbelrotten  umber,  von  denen  jeder  „Freiheitsfeind“,  der  nicht
zur  Linken  gehörte,  grobe  Insulten,  Zedrohungen  und  Mißhandlungen  zu
erwarten  hatte.  Das  nur  war  es,  was  der  demokratischen  Minorität
Macht  und  Bedeutung  gab.

Durch  die  Wirsitzer  Wahl  war  auch  der  Hrinz  von  Hreußen  in  die
Mationalversammlung  berufen.  Sollte  er  jetzt  seinen  Sitz  in  ihr  einnehmen
  d  Durfte  er  hoffen,  bei  dem  Geiste,  der  sie  erfüllte,  zu  einem
ersprießlichen  Wirken  in  ihr  zu  gelangend  Aber  mochten  nicht  vielleicht,
wenn  er  ihr  fernblieb,  Ubelwollende  ihm  dies  als  einen  Mangel  an  Entschiedenheit
  auslegen  d  Er  zögerte  nicht,  mit  Klarheit  alsbald  Stellung
zu  nehmen.

Schon  am  8.  Juni,  dem  Tage  nach  seiner  Ankunft,  begab  sich  der
Drinz  mit  Erxtrazug  nach  Berlin,  wo  der  Minister  von  Datow  auf  dem
Bahnhofe  ihn  empfing.  Don  hier  fuhr  er  in  Generalsuniform,  nur  von
seinem  Flügeladjutanten,  dem  Major  Laue,  begleitet,  in  die  Singakademie.
Von  dem  in  der  Sitzung  gerade  anwesenden  Minister  Graf  Schwerin
empfangen,  betrat  der  Hrinz  den  Sitzungssaal:  ehrerbietig  erhob  sich  die
Rechte  der  Dersammlung  von  ihren  Hlätzen,  während  der  Hrinz  auf  der
ersten  Bank  der  rechten  Seite  seinen  Hlatz  nahm.  „Sitzen  bleiben!“
tönte  es  von  der  Linken  währenddes  herüber;  auch  durch  GSischen  suchten
dort  manche  ihrem  Unmut  Luft  zu  machen,  bis  der  Abgeordnete  Temme,
der  das  Wort  hatte,  in  seiner  Rede  fortfuhr.  Sobald  diese  beendigt  war,
kündigte  der  Hräsident  der  Dersammlung  an,  daß  „der  Abgeordnete  des
Wirsitzer  Kreises  in  einer  persönlichen  Angelegenheit  das  Wort  verlange“.
Der  Prinz  bestieg  die  Tribüne.

„Dermöge  der  auf  mich  gefallenen  Wahl“,  sprach  er,  „bin  ich  berechtigt,
  in  Ihrer  Mitte  zu  erscheinen.  Ich  würde  bereits  gestern  hierher
geeilt  sein,  wenn  es  nicht  der  Jahrestag  unauslöschlicher  Trauer  gewesen
wäre,  der  mich  im  Schoße  meiner  Familie  zurückhielt.  Heute  aber  er-