Das  Jahr  1848.  177

greife  ich  die  Gelegenheit,  um  zuvörderst  meinen  Dank  für  das  Vertrauen
auszusprechen,  welches  mich  in  Ihre  Mitte  berief,  und  wodurch  es  mir
möglich  wird,  Sie,  meine  Berren,  welche  aus  allen  Provinzen  des  Landes
und  aus  allen  Ständen  hier  versammelt  sind,  herzlich  willkommen  zu
Reißen.

„Aicht  nur  die  Blicke  Dreußens  —  die  Blicke  der  Welt  sind  auf
unsere  Dersammlung  gerichtet,  da  durch  sie  eine  Dereinbarung  mit  unserem
Könige  herbeigeführt  werden  soll,  welche  für  lange  Seit  die  Schicksale
des  preußischen  Dolkes  und  seiner  Könige  feststellen  soll.  Welch  ein  hoher
Beruf!  Je  beiliger  dieser  Beruf,  je  heiliger  muß  der  Geist  und  die  Gesinnung
  sein,  welche  unsere  Beratungen  leiten.  Die  konstitutionelle  Mlonarchie
  ist  die  Regierungsform,  welche  unser  König  zu  geben  uns  vorgezeichnet
  hat.  Ich  werde  ihr  mit  der  Treue  und  Gesissenhaftigkeit
meine  Kräfte  weihen,  wie  das  Daterland  sie  von  meinem  ihm  offen  vorliegenden
  Charakter  zu  erwarten  berechtigt  ist.  Dies  ist  die  erste  Oflicht
eines  jeden  Daterlandsfreundes,  vor  allem  also  die  meinige  —  des  ersten
Unterthans  des  Königs.

„So  stehe  ich  jetzt  wieder  in  Ihrer  Mitte,  um  mitzuwirken,  daß  die
Aufgabe,  welche  uns  gestellt  ist,  zu  einem  glücklichen  Siele  geleitet  werde.
Möge  die  Gesinnung,  welche  ich  ausgesprochen  habe,  von  uns  allen  geteilt
  und  festgehalten  werden!  Dann  wird  unser  Werk  gelingen  und  zum
Wohl  und  Beile  des  geliebten  Daterlandes  gereichen.  Alöge  mein  Erscheinen
  unter  Ihnen  in  dieser  Beziehung  ein  günstiges  sein!  Mögen
wir  vereint  die  Thätigkeit  entwickeln,  welche  von  uns  erwartet  und  gehofft
  wird!  6

„Meine  übrigen  Geschäfte  werden  mir  nicht  erlauben,  regelmäßig
an  Ihren  Sitzungen  teilzunehmen.  Ich  ersuche  daher  den  Berrn  Hräsidenten,
  meinen  Stellvertreter  einberufen  zu  lassen.  Uns  alle  aber,  meine
Berren,  leite  der  Ruf  und  der  Wahlspruch  der  Hreußen,  der  sich  so  oft
bewährt  hat:  Mit  Gott  für  König  und  Daterland!“

In  tiefer  Stille  hatte  die  Dersammlung  die  Rede  angehört.  Zetzt
stieg  der  Drinz  von  der  Rednertribüne  herab:  ein  lautes  Bravo  erschallte
von  der  Rechten,  die  sich  wiederum  von  ihren  Stühlen  erhob,  als  der
Drinz  den  Sitzungssaal  verließ.  Die  Linke  aber  murrte  und  zischte  noch
lauter  als  zuvor.  Freilich  meinte  der  Abgeordnete  von  Unruh  später:
„Wenn  der  Hrinz  nur  nicht  in  Generalsuniform,  sondern  hübsch  in  bürgerlicher
  Kleidung  erschienen  wäre,  dann  würde  niemand  gezischt  haben.“

Der  Antrag  auf  Einberufung  seines  Stellvertreters  kam  einer  Kiederlegung

  des  Mandats  gleich;  er  enthob  den  Hrinzen  der  Verpflichtung,
Taiser  Wilhelm.  12