190  Viertes  Kapitel.

der  Zustimmung  der  deutschen  Fürsten  nicht  entraten  zu  können.  Gleichwohl
  drangen  die  Minister  in  ihn,  die  dargebotene  Krone  anzunehmen.
Aber  sollte  er  sich  durch  den  Glanz  einer  Krone  in  Gewissensbedrängnisse
einzwängen  lassend  Das  war  nicht  seine  Art.  „Gehen  Sie  zu  dem  Hrinzen
von  Preußen!“  antwortete  er  auf  das  Drängen  der  Minister.  Denn  er  war
entschlossen,  lieber  abzudanken,  als  von  dem,  was  er  für  recht  hielt,  abzugehen.

In  feierlicher  Audienz,  unter  dem  Thronhimmel  stehend,  umgeben
von  den  Prinzen  und  Ministern,  empfing  der  König  die  Deputation,
welche  die  Kaiserwürde  ihm  darbot.  Wohl  dankte  er  ihr  für  das  Ver—
trauen,  das  er  ehre:  aber  usurpierte  nicht  im  Grunde  die  Nationalversammlung
  das  Recht,  den  Kaiser  zu  wählend  Und  enthielt  die  Ver—
fassung,  auf  die  hin  er  gewählt  war,  nicht  Zestimmungen,  die  ihn  vielleicht
  mit  unwiderstehlicher  Gewalt  in  die  Bahnen  der  Revolution  hineinreißen
  mochtend  Das  waren  die  Besorgnisse,  welche  die  Entschließung
des  Königs  hemmten.  Er  lehnte  die  Kaiserkrone  nicht  ab,  aber  er  nahm
sie  auch  nicht  ohne  weiteres  an.

Auf  den  Abend  dieses  denkwürdigen  Tages  war  die  Kaiserdeputation
zu  dem  Drinzen  von  Hreußen  geladen.  „Wir  eilten  mit  großer  Spannung“
  —  berichtet  ein  Alitglied  der  Deputation  —  „zum  Drinzen  von
Oreußen;  denn  dort  erwarteten  wir  einen  besseren  Empfang,  und  wir
hatten  uns  nicht  getäuscht.  Der  Hrinz  trat,  nachdem  wir  ihm  einzeln
vorgestellt  waren,  mit  gewinnender  Hersönlichkeit  in  unsere  Mitte  und
eröffnete  eine  förmliche  staatsrechtliche  Diskussion  über  die  Lage  der
deutschen  Sache.  Er  redete  hierbei  mit  Geist  und  Gewandtheit,  in
fließender,  beredter  Sprache,  mit  Ernst  und  Gefühl  für  die  große  Angelegenheit
  des  Daterlandes,  mit  Schonung  und  hoher  Achtung  vor  unserer,
der  seinigen  entgegengesetzten  Auffassung.  Denn  natürlich  mußte  er  den
Standpunkt  des  Königs  einnehmen  und  die  Derteidigung  der  Regierungsschritte
  übernehmen.  Es  war  dies  eine  gebotene  Pflicht  für  ihn  als
Drinzen  des  Hauses,  und  doppelt  schicklich,  da  er  als  Thronfolger  jeden
Schein  eines  Hrätendenten  oder  auch  nur  der  GOpposition  vermeiden  muß.

Das  Derfahren  seines  königlichen  Bruders  suchte  er  damit  zu  rechtfertigen,
  daß  derselbe  weder  die  Krone  ohne  Sustimmung  der  Fürsten
annehmen,  noch  auch  sich  in  die  Lage  bringen  könne,  die  Sustimmung
etwa  durch  Swang  herbeiführen  zu  müssen.  „Sie  werden  mir  zutrauen“
—  rief  er  aus  —  „daß  ich  als  Wilitär  mich  vor  einem  Krieg  nicht
fürchte;  aber  wollen  Sie  uns  zumuten,  mit  80  O00  Mann  in  Bapvern
einzurücken,  um  den  Rönig  zur  Einwilligung  zu  zwingen  d“  Hierauf
wurde  ihm  aus  der  Mitte  der  Deputation  erwidert,  daß  daran  niemand