192  Viertes  Kapitel.

dort  am  rechten  Flecke  säße,  die  wahrlich  in  einem  Augenblicke,  wo  die
Geschicke  Deutschlands  an  ihrem  höchsten  Wendepunkt  angelangt  war,
nicht  ängstlich  und  bedenklich  gezögert  hätte.  In  geistvoller  Darstellung,
aus  der  ein  begeisterter  Sinn  für  Deutschlands  Einheit  und  Größe  her—
vorblickte,  schilderte  sie  uns,  wie  von  jeher  dies  Siel  als  das  Ideal  ihrer
Phantasie  ihr  vorgeschwebt  hätte;  der  große  Augenblick  könne  nicht  ver—
loren  sein  für  das  Vaterland.  Auf  dieser  Überzeugung,  auf  diesem  Vertrauen
zum  guten  Genius  Deutschlands,  der  uns  bis  hierher  glücklich  geleitet
habe,  habe  von  jeher  ihr  Mut,  der  sie  nie  verlassen,  beruht,  und  er
verlasse  sie  auch  jetzt  nicht.  Denn  es  sei  ja  unmöglich,  man  könne  ja
eine  so  große  weltgeschichtliche  Entwickelung  nicht  verkrüppeln  lassen:
das,  um  was  es  sich  handle,  sei  ja  etwas  so  Gutes,  so  Großes,  so  Not—
wendiges!  So  gern  möchte  sie  auch  uns  dies  mutige  Dertrauen  zu  der
Macht  der  Verhältnisse  mitteilen,  auch  uns  auf  ihren  Standpunkt  der
Hoffnung  und  des  Vertrauens  zu  der  innerlich  wirkenden  Notwendigkeit
der  Verhältnisse  versetzen.“  «

Es  war  das  erste  Mal,  daß  die  Mitglieder  der  Deputation  in  Berlin
„Gesinnung  für  Deutschlands  Siel“  aussprechen  hörten,  das  erste  Mal,
daß  sie  eine  wenn  auch  unter  der  Hülle  schicklicher  Rücksicht  auf  die
Schritte  des  Königs  verhüllte  Ubereinstimmung  „mit  dem  Gange  der
Mation“  vernahmen.  Sie  waren  entzückt  von  der  Aufnahme,  die  sie  bei
dem  Hrinzen  von  Hreußen  gefunden  hatten,  aber  sie  thaten,  nach  Frankfurt
  zurückgekehrt,  nichts,  um  auch  ihrerseits  den  Gang  der  Dinge,  wie
sie  ihn  wünschten,  zu  fördern.  Nur  durch  eine  angemessene  Modifizierung
der  Beichsverfassung  konnte  die  Kaiserwürde  für  den  König  von  Dreußen
annehmbar  werden.  Alllein  jeder  Dermittelung  stellte  sich  die  Nationalversammlung
  schroff  entgegen,  indem  sie  schon  am  II.  April  mit  großer
Majorität  den  Beschluß  faßte,  „an  der  in  zweiter  Lesung  beschlossenen.
und  verkündeten  Reichsverfassung  samt  Wahlgesetz  unwandelbar  festzuhalten“.
  Dazu  kam,  daß  wohl  28  deutsche  Regierungen  zu  der  geschehenen
  Kaiserwahl  ihre  Sustimmung  aussprachen,  daß  aber  gerade
die  mächtigsten,  die  deutschen  Königreiche,  in  ihrer  ablehnenden  Haltung
verharrten,  ja  daß  Gsterreich  die  Miene  annahm,  als  würde  es  die  Annahme
  der  Kaiserwürde  mit  der  Kriegserklärung  an  Hreußen  beantworten;
  und  wer  konnte  zweifeln,  daß  es  dann  wenigstens  die  süddeutschen
  Königreiche  auf  seiner  Seite  kaben  würde  Das  klärte  für  den
König  die  Situation:  in  Frankfurt  die  Derweigerung  jeglichen  Entgegenkommens,
  in  Wien,  München,  Stuttgart  kaum  verhbüllte  Feindseligkeit!
Ohne  Sögern  und  Schwanken,  mit  festem,  freiem  Willen  lehnte  er  daher