218  Fünftes  Kapitel.

fragte  ihn  der  Kaiser  gleich  nach  seiner  Ankunft  am  28.  Mai  1850.
Der  Hrinz  wies  auf  die  Ansammlung  von  Truppen  in  Böhmen  und
Dorarlberg  sowie  auf  den  drohenden  Ton  der  äösterreichischen  Noten  hin.

„Die  drohende  Sprache"“,  entgegnete  der  Kaiser,  „beweist  nichts.  In
Böhmen  stehen  zudem  lange  nicht  soviel  Truppen,  wie  man  glaubt.
Überhaupt  ist  Gsterreich  gar  nicht  in  der  Lage,  einen  Krieg  zu  führen,
wenn  es  nicht  das  russische  Heer  zum  Rückhalt  hat.  Ohne  diesen  kann
es  seine  Corps  nicht  ausrücken  lassen,  da  nach  deren  Entfernung  allerorten
  neue  Unruhen  ausbrechen  würden.  Ich  aber  denke  nicht  an  Krieg.
Ich  komme  nur  dem  Angegriffenen  zu  Hilfe;  allerdings  darf  er  nicht  den
Angriff  durch  moralischen  Swang  provoziert  haben.“

„Dazu“",  wandte  der  Hrinz  ein,  „geben  wir  keinen  Anlaß.  Was
wir  thun,  ist  durch  die  Artikel  der  Bundesakte  und  der  Derträge  gerechtfertigt.“


„Jch  bitte  euch“,  rief  der  Kaiser  aus,  „redet  mir  nicht  von  Dertragsartikeln,
  von  deren  Deutung  ich  nichts  verstehe.  ÜUbrigens  bin  ich
auch  mit  der  österreichischen  Holitik  unzufrieden;  sie  ist  schwankend  und
hinterhaltig,  aber  politisch  klug:  sie  sucht  Seit  zu  gewinnen.“

Mun  erschien  auch  Fürst  Schwarzenberg  in  Skierniewice,  um  dem
starken  persönlichen  Einflusse  des  Orinzen  von  Hreußen  entgegenzuwirken.
Ihm  gegenüber  erklärte  der  Hrinz,  daß  es  die  flicht  Hreußens  sei,  für
eine  Derfassung  Deutschlands  zu  sorgen,  vollends  nachdem  sich  GEsterreich
durch  die  Derfassung  vom  5.  März  1850  in  einen  Einbeitsstaat  verwandelt.
  „Ach“,  sagte  Fürst  Schwarzenberg,  „diese  Perfassung  ist  zwar
gegeben;  es  kann  aber  noch  vieles  geschehen,  sie  zu  ändern.  Ihre  Ausführung
  liegt  noch  in  weitem  Felde.“  Überhaupt  ging  die  Meinung  des
Fürsten  dahin,  daß  es  am  besten  wäre,  wenn  Cslerreich  und  Hreußen
allein  die  ganze  deutsche  Frage  entschieden  und  den  andern  deutschen
Staaten  das  Gesetz  vorschrieben.  Dabei  sprach  er  sich  so  nichtachtend
über  diese  aus,  daß  der  Hrinz  mit  Bestimmtbeit  erklärte,  der  König  wie
er  selbst  seien  entschlossen,  die  Unabhängigkeit  der  kleineren  deutschen
Staaten  unter  allen  Umständen  zu  schützen.  Darüber  was  GEsterreich  in
Frankfurt  beabsichtige,  vermied  Fürst  Schwarzenberg  jede  Eräöffnung.
Gegen  die  Union  stellte  er  jede  kriegerische  Absicht  in  Abrede,  wenn  nicht
Umstände  einträten,  die  Gsterreich  zwängen  zum  Schwerte  zu  greifen.
Rauptsächlich  wegen  ihrer  konstitutionellen  Grundlage  —  das  war  durchaus
  der  Eindruck  des  Hrinzen  —  waren  Kaiser  NMikolaus  wie  Fürst
Schwarzenberg  gegen  die  Union.  Dieser  sah  darin  ein  böses  Beispiel
für  die  Hölker  Ssterreichs;  der  Kaiser  aber  vollends  erblickte  darin  die