220  Fünftes  Kapitel.

breit  deutschen  Bodens  wollte  er,  der  Schirmherr  Deutschlands,  daran
geben.

Um  so  mehr  aber  mußte  dem  Könige  daran  liegen,  sich  mit  Ruß—
land  zu  verständigen.  Er  that  den  Wünschen  des  Kaisers  Nikolaus  einen
Schritt  entgegen  und  schloß  am  2.  Juli  zu  Berlin  mit  Dänemark  Frieden,
indem  er  aus  der  schleswig-holsteinischen  Sache  sich  ganz  zurückzog.  Jetzt
war  der  Zar  von  dem  guten  Willen  Preußens,  den  Frieden  zu  erhalten,
überzeugt.  Schon  im  folgenden  Monate  machte  er  seinen  preußischen  Verwandten
  einen  Besuch  in  Berlin,  der  durchaus  das  alte  herzliche  Ver—
hältnis  der  beiden  fürstlichen  Familien  wiederherstellte.  Aber  eine  Unterstützung
  seiner  Politik  zur  Aufrechterhaltung  der  Union  vermochte  der
König  doch  bei  seinem  kaiserlichen  Schwager  nicht  zu  erreichen.  Und  doch
wurde  der  Gegensatz  der  beiden  deutschen  Grôßmächte  je  länger  um  so
schroffer.  Gsterreich  verlangte  vor  allem  die  Aufhebung  der  Unionsverfassung
  vom  26.  Mai,  weil  in  der  auf  diese  sich  gründenden  Union
kein  platz  für  Esterreich  sei;  Hreußen  aber  hielt  unerschütterlich  an  ihr
fest.  Da  that  denn  GEsterreich  den  entscheidenden  Schritt  und  proklamierte
am  2.  September  1850  den  alten  Bundestag  als  wieder  zu  Recht  bestehend.
  Zu  der  Eräöffnungssitzung  lud  es  Hreußen  mit  der  Erklärung
ein,  daß  auch  der  Tichterscheinende  zum  Gehorsam  gegen  die  Beschlüsse
der  Erschienenen  verpflichtet  sei.

Konnte  sich  dem  der  König  von  Hreußen.  unterwerfen?  Beschlüssen,
die  hinter  seinem  Rücken,  ja  gegen  seinen  Widerspruch  gefaßt  waren?
Es  schien  ihm  eine  enerträgliche  Demütigung  zu  sein.  Das  ging  zu  weit:
am  27.  September  berief  der  König  den  ihm  sehr  nahe  stehenden  General
von  Radowitz,  den  entschiedenen  Gegner  der  Schwarzenbergischen  politik,
zum  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten.  Dennoch  ging  auf  eine
grundsätzliche  Opposition  gegen  Esterreich  seine  Meinung  nicht;  GEsterreich
dagegen,  von  den  deutschen  Gegnern  Hreußens  immer  beftiger  angestachelt,
war  entschieden,  die  Demütigung  Hreußens,  die  Auflösung  der  Union,
wenn  es  not  thäte,  auch  mit  den  Waffen  herbeizuführen.  Dazu  kam,
daß  die  SElbherzogtümer,  obgleich  sich  Hreußen  von  ihnen  zurückgezogen,
Dänemark  sich  nicht  unterwerfen  wollten,  so  daß  die  schleswigeholsteinische
Frage  zum  steten  Verdrusse  des  Kaisers  Nikolaus  nicht  zur  Ruhe  kommen
konnte.  Und  die  kurhessische  brachte  noch  neuen  Sündstoff  dazu.

Der  Kurfürst  von  Ressen,  in  Beftigem  Serwürfnis  mit  den  Ständen
des  Landes  wie  mit  seinen  Offizieren,  hatte  sich,  obgleich  Mitglied  der
Union,  an  den  erneuerten  Bundestag  um  Hilfe  gewandt.  Dieser  beschloß
„die  ernstlich  bedrobte  landesherrliche  Autorität“  durch  eine  militärische