222  Fünftes  Kapitel.

das  es  offenbar  auf  die  Demütigung  Hreußens  abgesehen  hatte,  eine  gewaltige
  patriotische  Entrüstung  entfacht  worden,  die  auch  in  den  Orovinzen
  in  hohen  Wogen  ging.  Hreußische  Truppen  rückten  auf  Befehl
des  Königs  in  Bessen  ein,  und  Graf  Gröben,  ihr  Führer,  erhielt  auf  den
einstimmigen  Beschluß  des  Ministeriums  die  Weisung,  die  Bavern,  denen
der  Bundestag  die  Exekution  in  Bessen  übertragen  hatte,  wenn  sie  wirklich
einrücken  sollten,  zurückzuwerfen,  wo  er  sie  fände.  Und  noch  am  20.  Oktober
war  das  Mrnisterium  einmütig  der  Weinung,  selbst  auf  die  Gefahr  eines
Krieges  mit  Gsterreich  hin  die  Bundcsexekution  in  Bessen  nicht  zu  dulden.

Sobald  Graf  Brandenburg  nach  Berlin  zurückgekehrt  war,  erstattete
er  in  dem  Ministerrate  —  am  1.  Movember  —  Bericht  über  die
Warschauer  Derhandlungen;  er  sprach  sich  dafür  aus,  einen  zwecklosen
Krieg  zu  vermeiden  und  die  Unterhandlung  mit  Ssterreich  fortzusetzen.
Energisch  widersprach  ihm  Radowitz,  der  von  einem  Nachgeben  nichts
wissen  wollte.  Da  langte  telegraphisch  die  Nachricht  an,  daß  die  Bayern
wirklich  in  Hessen  eingerückt  wären.  Jetzt  war  die  Entscheidung  unauf—
schiebbar.  Noch  am  Nachmittage  desselben  Tages  ließ  daher  der  König
den  Ministerrat  nochmals  zusammentreten.  Jetzt  führte  er  in  demselben
selbst  den  Dorsitz;  auch  der  Prinz  von  Hreußen  nahm  jetzt  an  der  Beratung
  teil.  Graf  Brandenburg  sprach  sich  wiederum  für  Kachgiebigkeit
aus,  da  ein  Kampf  in  Bessen  das  Signal  zu  einem  großen,  gefahrvollen
Kriege  sein  werde.  Der  König  suchte  einen  Mittelweg:  auf  die  Union
legte  er,  nachdem  alle  größeren  Staaten  aus  derselben  ausgeschieden
waren,  kein  Gewicht  mehr  und  in  Bessen  meinte  er  durch  den  Vorschlag
einer  gemeinschaftlichen  Besetzung  des  Landes  mit  Bapern  den  Schwierigkeiten
  begegnen  zu  können.  Brandenburg  stimmte  dem  zu.  Aber  in  lebhafter
  Erregung  widersprach  ihm  Radowitz:  er  verlangte  sofortige  Mobilmachung
  der  preußischen  Armee,  um  „Dreußens  Würde  und  Unabhängigkeit“
  zu  behaupten.

Mun  nahm  der  Hrinz  von  Hreußen  das  Wort.  Er  hielt  die  Mobilmachung
  für  unerläßlich,  weil,  von  allem  anderen  abgesehen,  die  formelle
Aufhebung  der  Unionsverfassung,  wie  Schwarzenberg  sie  fordere,  mit
einer  Unterwerfung  Hreußens  unter  Esterreich  gleichbedeutend  sei.  Der
Minister  von  Manteuffel  war  dagegen,  und  auch  der  Kriegsminister
von  Stockhausen  sprach  sich  dahin  aus,  daß  die  Mobilmachung  in  diesem
Augenblicke  den  Krieg  gegen  Gsterreich  und  Rußland  herbeiführen  werde,
dem  Hreußen  nicht  gewachsen  sei.

Bier  brach  der  König  die  Derhandlung  ab,  um  sie  am  nächsten
Tage  fortzusetzen.  Er  eräöffnete  die  Beratungen,  indem  er  in  längerer