224  Fünftes  Kapitel.

die  patriotische  Erregung  auf.  Die  sofortige  Mobilmachung  der  Armee
verlangte  jetzt  der  Prinz  von  Preußen.  Auch  Manteuffel,  der  an  des
schwer  erkrankten  Grafen  Brandenburg  Stelle  die  auswärtigen  Angelegen—
heiten  übernommen  hatte,  hielt  sie  jetzt  für  unvermeidlich,  und  noch  am
Abend  des  5.  Vovember  unterzeichnete  der  König  den  Befehl.  Unendlicher
  Jubel  durchbrauste  das  ganze  Land;  mit  Begeisterung  strömten  die
Landwehrmänner  zu  den  Fahnen.

Aber  sehr  wenig  entsprachen  die  weiteren  Schritte  der  Regierung
den  Erwartungen  des  preußischen  Dolkes.  Don  einer  thatkräftigen  Holitik
war  Manteuffel  weit  entfernt.  Ohne  weiteres  gab  Hreußen  die  Union
auf;  und  die  übrigen  Streitpunkte  mit  Esterreich  glaubte  Manteuffel  leicht
durch  eine  persönliche  Verhandlung  mit  Schwarzenberg  zum  Ausgleich
bringen  zu  können.  Mit  Entschiedenheit  widersprach  der  Hrinz  von
Hreußen  diesem  Gedanken;  aber  er  erreichte  nicht  mehr,  als  daß  Manteuffel
  in  einer  Instruktion  die  genaue  Grenze  des  Entgegenkommens
bezeichnet  wurde.  „Weiner  Überzeugung  nach“,  schrieb  er  am  22.  November
  an  den  Herzog  Ernst  von  Koburg,  „sollte  unsere  Geduld  längst
erschöpft  sein.“

In  Glmütz  fand  die  Susammenkunft  Manteuffels  mit  Schwarzenberg
statt;  ihr  Ergebnis  war  die  Hunktation  vom  20.  Wovember  1850,  durch
welche  Osterreich  die  Demütigung  Hreußens  erreichte,  die  es  erstrebte.
Dreußen  ordnete  in  den  schwebenden  Fragen  den  Wünschen  Eösterreichs
sich  unter,  überließ  die  Gestaltung  des  Deutschen  Zundes  den  nach  Dresden
durch  beide  Großmächte  einzuberufenden  Ministerkonferenzen  und  erklärte
sich  zu  sofortiger  Abrüstung  bereit.  Würde  aber  der  König  dieser  Abrüstung,
  durch  die  Manteuffel  offenbar  seine  Instruktion  überschritten  hatte,
gutheißend  Am  2.  Dezember  fand  darüber  eine  Beratung  der  Minister
unter  dem  Vorsitze  des  Königs  statt.  Mit  Nachdruck  erhob  der  Hrinz
von  Hreußen  gegen  die  Abrüstung  seine  Stimme.  Die  lebhaftesten  Bedenken
  erfüllten  ihn,  daß  sie  vor  dem  Schlusse  der  Dresdener  Konferenzen
stattfinden  sollte:  würde  dadurch  nicht  Hreußen  lediglich  dem  guten  Willen
Gsterreichs  preisgegebend  Aber  der  König  beruhigte  sich  dem  gegenüber  mit
dem  Gedanken,  daß  ja  Hreußen  jederzeit  wieder  eine  Mobilmachung  vornehmen
  könne.  Doll  Schmerz  und  Entrüstung  vernahm  das  preußische
Dolk  die  Abkunft.  Auf  Dreußens  SEhrenschild  war  ein  dunkler  Schatten
gefallen;  das  Werk  des  großen  Friedrich  schien  vielen  vernichtet.  Und
manche  Thräne  ehrlichen  Sornes  floß  darum.

Tiefschmerzlich  war  der  Eindruck,  den  diese  Movembertage  in  der
Seele  des  Hrinzen  von  Hreußen  zurückließen.  Seine  Stimme  war  nicht