Die  Jahre  der  Reaktion.  227

verdankte.  Aber  in  Preußen  umdrängten  Freunde  und  Führer  der  verhaßten
  Reaktion  den  König  und  strebten  durch  Einfluß  nach  unten  sich
zu  stützen  und  in  ihrer  Geltung  zu  behaupten.  Auf  die  Derwaltung  wie
auf  die  Kirche  und  Schule  suchten  sie  einzuwirken,  indem  sie  ihre  Anhänger
  und  Gesinnungsgenossen  begünstigten  und  beförderten.  Das
schädigte  das  Ansehen  des  altehrenwerten  Staates;  denn  es  warf  einen
Schatten  auf  seine  Gerechtigkeit  und  Unparteilichkeit.

Mit  klarer  Bestimmtheit  suchte  der  Hrinz  von  Hreußen,  soweit  es
nur  irgend  die  Herhältnisse  gestatteten,  solchem  reaktionären  Treiben  zu
begegnen.  Warnend  stellte  er  Übergriffen  der  Geistlichkeit  das  Recht  des
Staates  entgegen.  Er  duldete  nicht,  daß  die  Reaktionären  mit  besonderer
oder  ausschließlicher  Königstreue  sich  brüsteten.  Don  der  Gespensterfurcht
jener  vor  neuen  Revolutionen  erklärte  er  sich  für  völlig  frei.  Mit  den
Räuptern  der  Reaktion  wies  er  jede  Gemeinschaft  der  Ansichten  ab.  Bald
galt  er  daher  diesen,  als  sie  sahen,  daß  sie  nicht  auf  ihn  rechnen  konnten,
für  verdächtig,  ja  als  stark  demokratisch  gesinnt.  In  seinem  Hofhalt  in
Koblenz,  wo  er  als  Militärgouverneur  meist  residierte,  wollte  man  eine
Art  versteckt  oppositioneller  Tebenregierung  sehen.  Wan  versuchte  durch
Swischenträgereien  Unfrieden  zwischen  dem  Hrinzen  und  seinem  königlichen
Bruder  zu  säen;  Cindenberg,  der  Redakteur  der  Hatriotischen  Seitung,
schrieb  Berichte  über  den  Hrinzen  an  den  Generaladjutanten  des  Königs,
den  General  von  Gerlach;  ja  man  entblödete  sich  nicht,  den  Hrinzen  durch
einen  geheimen  Agenten  förmlich  überwachen  zu  lassen.

Allein  der  Prinz  von  Hreußen  war  weit  davon  entfernt,  solche  Ge-Rhässigkeiten
  sich  anfechten  zu  lassen.  Früher  von  den  Demokraten  als
„Reaktionär“  aufs  leidenschaftlichste  angefeindet,  jetzt  von  den  Reaktionären
als  „rot"  verschrieen,  ging  er  gerade  und  fest  seinen  Weg  und  that,  was
er  für  recht  hielt.  Treu  stand,  ohne  Doreingenommenheit  die  Dinge  betrachtend,
  seine  Gemahlin  zu  ihm,  deren  reicher  und  lebhafter  Geist  sie
zur  Seele  des  Kreises  machte,  der  in  Koblenz  um  das  prinzliche  Daar
sich  sammelte.  Denn  gerade  das  mannhafte  und  lautere  Wesen  des
Drinzen  machte  je  länger  je  mehr  Eindruck  auf  die  beweglichen  Abeinländer.
  Man  kann  sagen,  daß  sie  erst  während  dieser  Koblenzer  Jahre
in  ihren  Rerzen  wirklich  für  Hreußen  gewonnen  sind.  Und  ein  anmutiges
  Denkmal  dieser  Seit  hat  durch  die  Rheinanlagen  die  Hrinzessin  von
Dreußen  geschaffen,  die  sich  in  reizwollem  Wechsel  von  Koblenz  den  Rhein
aufwärts  fast  bis  zur  Burg  Stolzenfels  hinziehen.

In  Berlin  sah  man  den  Orinzen  jetzt  nur  seltener.  Aber  mit  aufmerksamem
  Blicke  verfolgte  er  den  Gang  der  Dinge.  Mit  unruhiger

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