230  Fünftes  Kapitel.

In  weiser  Voraussicht,  durch  die  herben  Erfahrungen  von  1848
belehrt,  faßte  der  König  auch  die  Gründung  einer  preußischen  Flotte  ins
Auge.  Die  Anfänge  waren  bescheiden,  aber  jedes  Jahr  brachte  der
Flotte  durch  Zau  und  Kauf  neuen  GSuwachs.  Und  1855  kaufte  Hreußen
das  Jade-Gebiet,  um  auch  an  der  Nordsee  einen  Kriegshafen  anzulegen.

Das  sind  alles  keine  geringen  Ruhmestitel  der  zweiten  Rälfte  der
Regierung  König  Friedrich  Wilhelms.  Und  niemand  ist  bereiter  gewesen,
in  ihrer  weitausgreifenden  Bedeutung  sie  zu  würdigen  und  anzuerkennen,
als  sein  Bruder  Orinz  Wilbelm,  wie  denn  auch  alle  Swischenträgereien
und  geflissentlichen  Settelungen  niemals  vermocht  haben,  die  in  aufrichtiger
CLiebe  miteinander  verbundenen  Brüder  ernstlich  zu  trennen.  Als  nach
dem  Abschlusse  des  Mikolsburger  Friedens,  lorbeerbekränzt,  König  Wilhelm
nach  Berlin  zurückkehrte  und  alles  ihn  als  den  Wiederhersteller  Deutschlands
  mit  Jubel  und  Anerkennung  feierte,  berührte  es  ihn  schmerzlich,
daß  niemand  der  Derdienste  gedachte,  die  doch  schon  sein  verstorbener
Bruder  um  Hreußen  und  Deutschland  sich  erworben.  „Schreiben  Sie“,
sagte  er  zu  dem  Rofrat  Schneider,  „einen  Artikel  darüber  in  einer
Seitung,  die  keinen  ausgesprochenen  Harteistandpunkt  hat,  wie  mein  Bruder
das  alles  auch  schon  gewollt  und  erstrebt  hat,  was  gegenwärtig  errungen
worden  ist.“

So  erschien  denn  am  2.  September  1866  in  der  Spenerschen  Seitung
ein  Leitartikel  „Dem  Königlichen  Bruder“.  Er  paßte  nicht  in  den  lauten
Jubel  der  Tage;  viele  glaubten  deutlich  darin  die  Absicht  zu  erkennen,
die  Derdienste  König  Wilhelms  herabzusetzen.  Was  hätten  sie  dazu  gesagt,
  wenn  sie  gewußt,  daß  König  Wilhelm  ihn  veranlaßt  und  selbst  die
Grundgedanken  dazu  gegeben  hatted