238  Sechstes  Kapitel.

Gerlach  ihm  über  das  „ungereimte“  Gerücht  klagte,  daß  der  Prinz  nach
England  zur  Brautwerbung  gegangen  sei.  Da  bestätigte  es  denn  der
König  mit  herzlichem  Lachen:  „Nun  jal“  sagte  er.  „Es  ist  wirklich  so.“
Denn  der  reaktionären  Partei  war  der  Gedanke  einer  Verbindung  des
Thronerben  mit  der  liberalen  englischen  Königsfamilie  auf  das  äußerste
zuwider.  Die  Staatsraison  hatte  auch  an  der  Verbindung  gar  keinen
Teil.  „Vicht  Politik“,  bestätigte  der  junge  Prinz,  „noch  Ehrgeiz  hat  es
zustande  gebracht,  sondern  mein  Herz.“

Die  Werbung  fand  bei  den  Eltern  die  günstigste  Aufnahme.  Denn
der  fürstliche  Werber  gefiel  ihnen  sehr.  „Seine  besonders  hervorragen—
den  Eigenschaften“,  äußerte  sich  der  Prinzgemahl  Albert,  „sind  große
Geradheit,  Offenheit  und  Ehrenhaftigkeit.  Er  scheint  frei  von  Vorurteilen
und  mit  ausnehmend  trefflichen  Absichten.“  Auch  auf  das  Herz  der
jungen  Prinzessin  machte  der  Prinz  einen  tiefen  Eindruck.  „Victoria  ist
sehr  erregt“,  beobachtet  der  Prinzgemahl,  ihr  Vater.  „Der  Prinz  ist
wirklich  verliebt,  und  die  kleine  Dame  thut  ihr  Bestes,  um  ihm  zu  gefallen.“
  Nur  die  große  Jugend  der  Prinzessin  stand  der  Erfüllung  der
allseitig  gehegten  Wünsche  entgegen.  Es  wurde  daher  beschlossen,  die
Werbung  vor  der  Prinzessin  wenigstens  bis  zu  ihrer  Konfirmation  noch
geheim  zu  halten.  Allein  die  echte  Empfindung  läßt  sich  nicht  verschließen.
Bei  einem  Ausfluge,  den  die  königliche  Familie  mit  ihrem  erlauchten  Gaste
über  die  Deide  machte,  sah  der  Prinz  am  Wege  eine  Staude  weißen
Reidekrautes,  das,  selten  gefunden,  in  Schottland  für  glückbringend  gilt.
Schnell  sprang  er  vom  Oferde,  pflückte  die  Blume  und  reichte  sie  der
jungen  Hrinzessin  mit  Worten,  die  über  seine  Gefühle  und  Hoffnungen
keinen  Sweifel  ließen.  So  wurde  der  29.  September  1855  der  Derlobungstag
  des  jungen  fürstlichen  Haares.

Und  auch  die  Holitik  billigte  mit  lautem  Beifall  das  Band,  das
nach  langer  Entfremdung  die  beiden  protestantischen  Großmächte  wieder
enger  miteinander  verbinden  sollte.  Da  verschlugen  denn  die  Derunglimpfungen
  wenig,  mit  denen  manche  englische  Seitungen,  wie  die
„Times"“,  mit  der  „Kreuzzeitung“  in  Berlin  wetteifernd,  diese  Derlobung
überschütteten.  Denn  ohne  Kenntnis  der  durchaus  selbständigen  Stellung  des
Drinzen  von  Hreußen  und  seines  Sohnes,  sahen  sie,  durch  die  antienglische
politik  Dreußens  in  dem  Krimkriege  gereizt,  in  beiden  nur  Gesinnungsgenossen
  der  reaktionären  Hartei,  die  damals  mit  dem  Anspruch  alleiniger
Königstreue  den  preußischen  Thron  umgab.

Und  doch  trat  bald  der  klare  Gegensatz,  welcher  längst  den  Hrinzen
von  Hreußen  von  der  reaktionären  Hartei  schied,  mit  einer  Schärfe  zu