Erstes  Kapitel.
Stellvertretung  und  Regentschaft.

Eine  hohe,  stattliche  Gestalt,  mit  festem  Schritt,  die  Farbe  der  Gesundheit
  in  dem  Gesichte,  einen  milden  Ernst  über  die  Süge  gebreitet,
in  denen  sich  ein  Ausdruck  ungesuchter  Uberlegenheit  neben  herzlichem
Wohlwollen  geltend  macht:  so  steht  der  Drinz  von  Dreußen  im  Sommer
1857  vor  uns,  als  er  in  Baden-Baden  auf  den  Befehl  des  Hönigs  den
Kaiser  Mapoleon  begrüßte.  Denkwürdige  Begegnung!  Sum  erstenmal
sahen  sie  sich  von  Angesicht.  Der  französische  Herrscher  auf  der  Höhe
der  Macht  und  des  Ruhmes,  gefürchtet,  aber  nicht  geachtet,  und  der
Bohenzollernprinz,  in  höchster  Achtung,  gerade  damals  im  Begriff,  ohne
daß  er  es  ahnte,  zur  Höhe  der  Herrscherstellung  emporzusteigen.

Es  war  der  letzte  Auftrag  seines  königlichen  Bruders,  den  der
Drinz  auszuführen  hatte.  Don  Ostende,  wohin  er  von  Baden--Baden  sich
begeben  hatte,  rief  ihn  die  Machricht  von  der  gefährlichen  Erkrankung
des  Königs  nach  Sanssouci.  Schon  im  Sommer  hatte  des  Königs  sonst
so  feste  Gesundheit  zu  wanken  begonnen;  allein  er  hatte  die  Anzeichen
nicht  beachtet  und  gegen  den  dringenden  Rat  seiner  Ärzte  den  Herbst—
übungen  der  Truppen  in  Sachsen  beigewohnt.  Reftige  Gemütsbewegungen
waren  dazu  gekommen.  Er  hatte  geglaubt,  die  ewigen  Feindseligkeiten,
durch  die  Gsterreich  Hreußens  Kraft  zu  hemmen  und  zu  unterbinden
versuchte,  durch  persönliche  Besprechungen  heben  und  die  alte  Freundschaft
  mit  dem  Kaiserstaate  wiederherstellen  zu  können.  Doll  HBoffnung
war  er  nach  Wien  gegangen;  in  tiefster  Enttäuschung  kehrte  er  von  dort
zurück.  Auch  in  Dresden  warteten  widerwärtige  Herhandlungen  seiner.
Das  ertrug  er  nicht:  ein  Schlaganfall  traf  ihn.  Indessen  in  Sanssouci
besserte  sich  sein  Sustand  nach  einiger  Seit  des  Schwankens  etwas,  als
ein  neuer  Gehirnschlag  eintrat.  Wohl  gewann  er  nach  einigen  Wochen
wieder  einige  Lebenskraft,  und  das  Leiden  nahm  einen  milderen  Charakter
und  regelmäßigen  Derlauf  an,  aber  zugleich  stellte  sich  heraus,  daß  eine
völlige  Genesung  erst  in  längerer  Seit  zu  erwarten  wäre.  Mindestens