254  Erstes  Kapitel.

vollen  Nationalstolze  nicht.  Zum  1.  April  indes  erwartete  auch  der
Prinz  von  Preußen  die  Einsetzung  der  Regentschaft,  die  allein  ihm  Frei—
heit  der  Bewegung  nach  eigenem  Willen  gewähren  konnte.  In  dieser
Erwartung  erwog  er  die  Entlassung  des  Ministeriums  Manteuffel,  dessen
ganze  Richtung  seinen  Anschauungen  widersprach.  Für  die  Neubildung
des  Kabinetts  richtete  er  sein  Auge  auf  Herrn  von  Alvensleben-Erxleben,
der  früher  eine  Seitlang  KFinanzminister  gewesen  war,  ein  Mann  von
streng  konservativen  Grundsätzen,  reaktionären  Bestrebungen  durchaus  abgeneigt.
  Alvensleben  war  bereit,  auf  die  Gedanken  des  Hrinzen  einzugehen,
  und  schlug  ihm  als  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten  den
Rerrn  von  Bismarck-Schönhausen  vor.  Swar  im  Dereinigten  Landtage
hatte  Bismarck  auf  der  äußersten  Rechten  seinen  Hlatz  gehabt,  hatte  auch
1848  zu  den  Begründern  der  Kreuzzeitung  gehört,  in  der  die  reaktionäre
Tendenz  sich  unverhüllt  aussprach.  Aber  dann  als  preußischer  Bundestagsgesandter
  war  er  hoch  über  den  engen  Kreis  dieser  Bestrebungen  hinausgewachsen
  und  hatte  in  Frankfurt  am  Main  erkennen  gelernt,  wo  die
Feinde  Preußens  zu  suchen  seien.  Ghne  langes  Sögern  war  er  bereit,
dem  ihm  entgegengetragenen  Dertrauen  zu  entsprechen.  Da  starb  Ende
März  Alvensleben.  Sugleich  setzte  die  reaktionäre  Dartei  die  nochmalige
Derlängerung  der  Stellvertretung  durch.  Schweigend  ergab  der  Hrinz
sich  darein;  aber  er  empfand  die  Kränkung,  die  für  ihn  darin  lag.

Es  war  ein  Sieg,  den  die  Reaktionspartei  über  den  Hrinzen  errungen
  hatte.  zetzt  inmitten  der  Regierungsgeschäfte  empfand  er  zugleich
täglich  mehr  das  Widrige,  gegen  die  eigenen  Grundsätze  die  Regierung
führen  zu  sollen:  er  war  entschlossen,  aus  dieser  Swangslage  sich  zu  befreien
  und  das  WMinisterium  nicht  länger,  als  unbedingt  nötig,  im  Amte
zu  lassen.  Mit  Rudolf  von  Auerswald,  seinem  Jugendfreunde,  nahm  er
wiederholt  Rücksprache;  auch  der  frühere  Minister  des  Auswärtigen,
Rerr  von  Schleinitz,  wurde  herangezogen.  Und  aus  diesen  Gesprächen
entsprang  der  Gedanke,  den  Vorsitz  in  dem  neu  zu  bildenden  Ministerium
dem  Fürsten  Anton  von  Hohenzollern-Sigmaringen,  der  ebenso  patriotisch
gesinnt  wie  wohlmeinend  war,  anzutragen.

Allein  diese  Erwägungen  durchschnitt  ein  neuer  Erlaß,  der  die  Fortsetzung
  der  Stellvertretung  auf  weitere  drei  Monate  (vom  1.  Juli  an)
anordnete.  Die  Zäupter  der  reaktionären  Hartei,  durch  die  schweigende
Surückhaltung  des  Hrinzen  sicher  gemacht,  hatten  jenen  erwirkt;  als
selbstverständlich  stellten  sie  ihn  jetzt  hin  und  sahen  jeden  als  Königsfeind
an,  der  zu  behaupten  wagte,  daß  die  Derfassung  die  Einsetzung  einer
Regentschaft  verlange.  Die  Derfassung  aber  bestimmt  in  Art.  56:  Wenn