262  Erstes  Kapitel.

läden,  wo  das  Blatt  zu  kaufen  war,  die  Leute;  auf  den  Straßen  standen
sie,  es  lesend,  oder  lasen  es  den  sich  ansammelnden  Gruppen  laut  vor.
Besonders  die  Derurteilung  der  Scheinkirchlichkeit  und  die  Erwartung
moralischer  Eroberungen  in  Deutschland  machten  tiefen  Eindruck.  Die
Empfindung  war,  daß  „eine  neue  Ara“  für  Hreußen  heraufzöge;  viele
sprachen  es  aus,  und  das  Wort  fand  lauten  Beifall.  Denn  wer  konnte
verkennen,  daß  dieser  8.  Rovember  einen  Wendepunkt  in  der  Geschichte
Dreußens  und  Deutschlands  bedeuten  möchte?

Und  das  Ministerium  der  neuen  Ara  entsprach  durchaus  dem  Dertrauen,
  das  man  ihm  entgegentrug.  Der  Hresse  wurde  freierer  Spiel-=raum
  gewährt,  Ubergriffe  der  Geistlichkeit  wurden  zurückgewiesen  und  den
Beamten  befoblen,  sich  jeder  Beeinflussung  der  Wahlen  zu  enthalten,  auch
selbst  nicht  wie  bisber  nach  Mandaten  für  das  Abgeordnetenhaus  zu
trachten.  So  boten  denn  die  Wahlen  des  Spätherbstes  ein  völlig  verändertes
  Bild  gegen  die  der  letzten  Jahre.  Die  Freunde  des  Ministeriums,
die  Dertreter  der  Altliberalen,  hatten  alleroten  das  entscheidende  Wort.
Man  wollte  der  Regierung  durch  die  Wahl  demokratischer  Kandidaten
keine  Schwierigkeiten  bereiten  und  zugleich  die  reaktionären  Gegner  derselben
  aus  der  Dolksvertretung  beseitigen.  Dem  entsprach  das  Ergebnis.
Das  Ministerium  hatte  in  dem  neu  gewählten  Abgeordnetenhause  eine
überwältigende  Mehrbeit  für  sich;  Demokraten  waren  gar  nicht  gewählt,
Reaktionäre  nur  vereinzelt.

Am  12.  Januar  1850  eröffnete  der  Drinzregent  den  neu  gewählten
Landtag  im  Weißen  Saale  des  Schlosses.  „Auf  der  Fahne  Hreußens"“,
sagte  er,  „steht:  Königtum  von  Gottes  Gnaden,  Festhalten  an  Gesetz  und
Derfassung,  Treue  des  Dolkes  und  des  siegbewußten  Heeres,  Gerechtigkeit,
  Wahrheit,  Dertrauen,  Gottesfurcht!  Wohlan,  meine  Herren!  Helfen
Sie  mir  diese  Fahne  hoch  tragen!  Wer  ihr  folgt,  der  folgt  mir.“

Das  wären  goldene  Worte.  Die  Empfindung  war  in  Hreußen
allgemein,  daß  mit  diesem  Regimente  eine  Disharmonie  unmöglich  wäre.
Nur  der  Hrinzregent  selber  bei  seiner  besonnenen  Art  verschloß  sich  der
Frage  nicht,  inwieweit  es  möglich  sein  würde,  diesem  Jubel  freudiger
Erwartungen  durch  die  That  wirklich  zu  entsprechen.  Aber  auch  ihn  erfüllte
  es  mit  GSuversicht,  daß  das  Abgeordnetenhaus  die  Thronrede  mit
einer  einstimmig  angenommenen  Adresse  beantwortete,  in  der  es  das  freie
und  freudige  Susammentreffen  des  königlichen  Willens  mit  dem  Bedürfnis
  der  Nation  betonte  und  in  dem  ungeschwächten  Rechte  der  Krone
eine  teure  Bürgschaft  des  Gedeihens  und  der  Geltung  unter  den  andern
Dölkern  für  das  preußische  Dolk  anerkannte.  Am  25.  Januar  wurde