272  Sweites  Kapitel.

norddeutschen  Demokraten  eine  Dersammlung  nach  Eisenach  berufen,  um
die  nationale  Bewegung  unter  ihre  Führung  zu  bringen.  Als  Bundesgenossen
  drängten  sie  sich  den  Liberalen  auf,  und  diese  ließen  sich  die
ungelegenen  Genossen  gefallen.  So  bildete  auf  einer  allgemeinen  Dersammlung
  zu  Frankfurt  am  Main  aus  der  Dereinigung  beider  Richtungen
sich  am  16.  September  1850  der  Mationalverein.  Aber  von  einer  Führung
durch  Dreußen  wollten  die  zahlreich  anwesenden  Süddeutschen,  selbst  solche
von  gemäßigter  Stellung,  nichts  wissen.  Es  war  eine  traurige  Lösung,
daß  man  wohl  eine  Sentralgewalt  schaffen  wollte,  aber  offen  ließ,  wer
ihr  Träger  sein  und  ihr  erst  Leben  und  Geltung  geben  sollte.  Bei  jedem
Kompromiß  zieht  ja  der  Gemäsßigtere  stets  schließlich  den  kürzeren.  Bald
füllrten  denn  in  dem  Dereine  auch  die  demokratischen  Elemente  das  große
Wort.  Die  Folge  war,  daß  der  Bundestag  den  leitenden  Ausschuß  des
Dereins  aus  Frankfurt  auswies,  so  daß  er  nach  Koburg  unter  den  Schutz
des  liberalen  Berzogs  Ernst  sich  begab.  Auch  der  Hrinzregent  war  jetzt
nicht  ohne  Bedenken.  „Wenn  solche  Leute  dabei  sind“,  meinte  er,  „so
kann  nichts  Gutes  daraus  werden.“  Doch  legte  er  in  Hreußen  ihm  nichts
in  den  Weg,  nur  daß  ihm  der  Seitpunkt  für  Einheitsbestrebungen  sehr
ungeschickt  gewählt  schien.  Ihm  galt  als  das  wichtigste  zunächst  die
Förderung  praktischer  Interessen,  die  Stärkung  der  Dehrkraft,  die  Sicherung
  der  deutschen  Rechtszustände;  die  Anderung  der  Bundesverfassung
werde  dann  schon  zur  rechten  Seit  ihre  Wege  zu  finden  wissen.  Die
kleinen  italienischen  Fürsten  gaben  ihm  den  Beweis.  „Daß  diese
Souveräne“,  schrieb  er  an  seinen  altbewährten  Freund,  den  Hrinzgemahl
von  England,  „nicht  rechtzeitig  Reformen  zu  gewähren  verstanden,  wird
wahrscheinlich  ihre  déchéance  zur  Folge  haben.  Möchte  doch  dies  Beispiel
  manchem  deutschen  Souveräne  die  Augen  öffnen;  aber  im  Gegenteil,
sie  werden  immer  blinder!“  Aber  doch,  unermüdlich  in  der  Sorge  um
die  Förderung  der  Wohlfahrt  Hreußens,  behielt  er  stets  das  Auge  auf
das  ganze  große  deutsche  Daterland  gerichtet;  und  man  verstand  ihn
wohl,  wenn  er  so  beim  KFestmahl  in  Köln  am  5.  Oktober  1850,  als  dort
die  Rheinbrücke,  die  erste  stehende  über  den  Strom,  eingeweiht  wurde,
einen  Trinkspruch  auf  die  Stadt  ausbrachte,  der  in  dem  Wunsche  gipfelte,
daß  die  Brücke  segensreich  sein  möge  für  Köln,  für  die  NMheinprovinz,
ja  für  das  ganze  Land,  für  alle  Stämme,  sie  mögen  heißen,  wie  sie
wollen!  Einen  Jubel  entzündeten  diese  Worte,  wie  ihn  der  alte  Gürzenich
noch  nimmer  vernommen,  und  es  dauerte  lange,  bis  sich  die  Gemüter
der  Festgenossen  wieder  beruhigt  hatten.  Und  durch  ganz  Deutschland
flog  das  mannhafte  Wort,  das  der  Hrinzregent  bei  der  Eröffnung  der