286  Sweites  Kapitel.

Rom  und  Denedig  war  die  ganze  Halbinsel  unter  dem  Septer  Diktor
Smanuels  vereinigt.  Tapoleon  schlug  daher  zur  Regelung  der  einzelnen
dabei  auftauchenden  Fragen  einen  Kongreß  der  Großmächte  vor.  Diesem
Gedanken  war  Rußland  auch  nicht  abgeneigt;  doch  wünsche  Kaiser
Alexander,  bevor  er  irgendwie  sich  bände,  vorher  mit  dem  Hrinzregenten
von  Hreußen  persönlich  sich  über  die  Weltlage  zu  verständigen.  Er  lud
ihn  daher  im  Oktober  zu  einem  Besuche  nach  Warschau  ein.  Gern  entsprach
  dieser  der  Einladung  und  traf,  von  seinem  Weffen,  dem  Großherzoge
  Friedrich  Franz  II.  von  Mecklenburg-Schwerin,  begleitet,  am
21.  Oktober  in  Warschau  ein.

Am  folgenden  Tage  langte  auch  der  Kaiser  Franz  Joseph  in
Warschau  an.  Er  hatte  auf  die  Kunde  von  der  bevorstehenden  Fürstenzusammenkunft
  bei  Kaiser  Alexander  angefragt,  ob  auch  sein  Besuch  willkommen
  sein  würde.  Swar  bestand  von  dem  Krimkriege  her  eine  starke
Spannung  zwischen  den  beiden  Kaiserstaaten,  die  der  lombardische  Krieg
nur  noch  vergrößert  hatte;  indes  bereitwillig  sprach  Kaiser  Alexander
seine  Sustimmung  aus.  Und  das  war  auch  das  Ergebnis,  daß  sich  das
persönliche  Derhältnis  der  beiden  Kaiser  zu  einander  fortan  freundlicher
gestaltete.  Den  Kongreßvorschlag  lehnte  indessen  Kaiser  Franz  Joseph
rundweg  ab.  Auch  der  rinzregent  hegte  große  Bedenken,  da  er  den
Dorschlag  nicht  bestimmt  genug  zu  praktischem  erfahren  fand.

Jäh  unterbrach  die  Besprechungen  die  NWachricht  von  der  lebensgefährlichen
  Erkrankung  der  Kaiserin-Mutter  in  St.  Petersburg.  Infolgedessen
  reiste  Kaiser  Alexander  sofort  dahin  ab.  Die  Entrevue  war  zu
Ende.  Am  Abend  desselben  Tages  verließ  auch  der  Drinzregent  Warschau.
Zur  Derständigung  über  ein  gemeinsames  Vorgehen  kam  es  nicht  mehr.
Dennoch  ergab  sich  als  die  Frucht  dieser  persönlichen  Begegnungen  und
Besprechungen  die  Erkenntnis  der  Interessen-Gemeinschaft  der  altlegitimen
Dynastieen  Europas  in  der  gleichen  Abneigung  gegen  die  unruhige,
projektenreiche  Holitik  Frankreichs.  Der  Hrinzregent  insbesondere  hatte
die  alten  herzlichen  Beziehungen  Dreußens  zu  Rußland  neu  befestigt,  dem
Verhältnis  zu  Deutschland  Klarheit  gegeben  und  die  Spannung  mit
Esterreich,  wenn  auch  nicht  ausgeglichen,  so  doch  gemildert.  Für  Hreußen
ergab  sich  daraus,  daß  es  den  dunklen  und  gefahrdrohenden  Seitläuften,
welche  die  nächste  Sukunft  in  sich  zu  schließen  schien,  in  größerer  Festigkeit
  und  Sicherbeit,  als  eben  noch,  entgegengeben  konnte:  ein  Erfolg,  den
Hreußen  durchaus  der  Hersönlichkeit  seines  Drinzregenten,  seinem  würdigen,
versöhnlichen  und  doch  festen  Auftreten  verdankte.  Als  Regent  erprobt
und  bewährt,  sollte  er  jetzt  nun  auch  die  Krone  empfangen.