Drittes  Kapitel.
Die  Krönung.

„Nie  hätte  ich  geglaubt“,  sagte  König  Wilhelm  wenige  Tage  nach
seiner  Thronbesteigung  zu  den  versammelten  Generalen,  „daß  die  Dorsehung
  mich  zu  dem  schweren  Amte  Ihres  Kriegsherrn  berufen,  nie  habe
ich  daran  gedacht,  daß  ich  meinen  teuren  Bruder  überleben  würde.  Ich
war  in  der  Jugend  so  viel  schwächlicher  als  er,  daß  nach  den  Gesetzen
der  Natur  meine  Nachfolge  auf  den  Thron  unserer  Ahnen  außer  aller
Berechnung  lag.  Darum  hatte  ich  auch  stets  meine  Lebensaufgabe  nurim
  Dienste  der  preußischen  Armee  erkannt,  darum  habe  ich  mich  diesem
Dienste  mit  voller  Liebe  und  Ausdauer  hingegeben  und  glaubte  so  am
besten  die  Hflichten  eines  preußischen  Hrinzen  gegen  seinen  König  und
sein  Daterland  zu  erfüllen.  Jetzt  hat  mich  der  unerforschliche  Ratschluß
des  Allmächtigen  auf  den  Thron  gerufen,  den  zu  stützen  ich  bisher  für
meine  einzige  Oflicht  gehalten.“

Licht  mit  der  frischen  Boffnungsfreudigkeit  eines  jungen  Kronprinzen,
dessen  Herz  die  ihm  vorschwebenden  Ideale  erheben,  bestieg  König-Wilhelm
  den  Thron,  sondern  tief  ergriffen  von  der  Schwere  der  Aufgabe,
die  seiner  warte,  aber  doch  voll  froher  Suversicht  und  auf  das  Dertrauen
bauend,  welches  das  Hreußenvolk  während  der  Seit  der  Regentschaft  ihm
entgegengetragen  hatte.  Sein  frommer  Sinn  war  sich  dessen  bewußt,  daß
wie  Gottes  Wille  das  schwere  Herrscheramt,  nach  dem  er  nie  in  sich  Derlangen
  empfunden,  ihm  auferlegt,  so  auch  Gottes  Gnade  in  demselben
ihn  tragen  und  führen  werde.  Als  König  von  Gottes  Gnaden  fühlte
er  sich  von  der  ersten  Stunde  an:  ihm  war  Don  Gottes  Gnaden  nicht
eine  ehrwürdige  Formel,  sondern  eine  lebendige  Wahrhbeit,  deren  Wirken
er  tief  und  voll  in  sich  empfand.

Mit  düsterer  Dracht  war  König  Friedrich  Wilhelm  in  der  von  ihm
selbst  erbauten  herrlichen  Friedenskirche  bei  Hotsdam  am  7.  Jannar  beigesetzt
  worden.  Jetzt  erst  hielt  es  König  Wilhelm  für  recht,  als  König
zu  seinem  Dolke  zu  sprechen.  Mit  pietätvoller  Anerkennung  richtet  er  den