290  Drittes  Kapitel.

Leben  walten.  Es  ist  Preußens  Bestimmung  nicht,  dem  Genuß  der  erworbenen
  Güter  zu  leben.  In  der  Anspannung  seiner  geistigen  und  sittlichen
  Kräfte,  in  dem  Ernst  und  der  Aufrichtigkeit  seiner  religiösen  Gesinnung,
  in  der  Dereinigung  von  Gehorsam  und  Freibeit,  in  der  Stärkung
seiner  Wehrkraft  liegen  die  Bedingungen  seiner  Macht;  nur  so  vermag
es  seinen  Rang  unter  den  Staaten  Europas  zu  behaupten.

„Jch  halte  fest  an  den  Traditionen  WMeines  Hauses,  wenn  Ich  den
vaterländischen  Geist  Meines  Volkes  zu  heben  und  zu  stärken  Mir  vorsetze.
  Ich  will  das  Recht  des  Staates  nach  seiner  geschichtlichen  Bedeutung
  befestigen  und  ausbauen  und  die  Institutionen,  welche  König
Friedrich  Wilhelm  der  Dierte  ins  Leben  gerufen  hat,  aufrecht  erhalten.
Treu  dem  Side,  mit  welchem  ich  die  Regentschaft  übernahm,  werde  Ich
die  Derfassung  und  die  Gesetze  des  Königreichs  schirmen.  Möge  es  Mir
unter  Gottes  gnädigem  Beistand  gelingen,  Hreußen  zu  neuen  Shren  zu
führen!

„Meine  OÖflichten  für  Dreußen  fallen  mit  Weinen  Oflichten  für
Deutschland  zusammen.  Als  deutschem  Fürsten  liegt  Mir  ob,  Hreußen  in
derjenigen  Stellung  zu  kräftigen,  welche  es  vermöge  seiner  ruhmvollen
Geschichte,  seiner  entwickelten  Zeeresorganisation  unter  den  deutschen
Staaten  zum  Heile  aller  einnehmen  muß.

„Das  Dertrauen  auf  die  Ruhe  Europas  ist  erschüttert.  Ich  werde
Mich  bemühen,  die  Segnungen  des  Friedens  zu  erhalten.  Dennoch  können
Gefahren  für  Hreußen  und  Deutschland  heraufziehen.  Möge  dann  jener
Gott  vertrauende  Mut,  welcher  Hreußen  in  seinen  großen  Seiten  beseelte,
sich  an  Mir  und  Meinem  Volke  bewähren  und  dasselbe  Mir  auf  Meinen
Wegen  in  Treue,  Gehorsam  und  Ausdauer  fest  zur  Seite  stehen!  Möge
Gottes  Segen  auf  den  Aufgaben  ruhen,  welche  Sein  Ratschluß  Mir  übergeben
  hat.“

Das  waren  gewaltige  Worte,  die  der  König  an  sein  Dolk  richtete,
erhabener  und  bedeutungsvoller,  als  er  je  gesprochen.  Sie  kündigten
eine  Regierung  des  Rechts,  der  Freiheit  und  der  Gesittung  an,  indem
sie  mit  Ernst  auf  die  Bedingungen  der  Machtstellung  Hreußens  hinwiesen,
aber  zugleich  auch  die  Friedensliebe  des  Königs  betonten,  es  müßte  denn
sein,  daß  Oflicht  und  Ehre  zum  Kampfe  riefen.

Es  war  ein  schönes  Wort  der  Anerkennung,  das  dem  Könige  von
seiten  des  Drinzgemahls  von  England  zu  teil  wurde.  „Meine  RBoffnung“,
schrieb  Hrinz  Albert,  „wie  die  der  meisten  deutschen  Hatrioten,  steht  auf
Dreußen,  steht  auf  Dir.  Auf  Hreußen,  das  seine  Derfassung  nur  zu
handhaben  braucht,  um  in  sich  alle  Mittel  zu  finden,  den  Anforderungen