Die  Krönung.  295

Unverzüglich  nach  dem  Schlusse  des  Candtages  rüsteten  sich  die
extremen  Parteien  zum  Wahlfeldzuge.  Die  äußerste  Rechte  sammelte  sich
in  dem  hochkonservativen  „Preußischen  Volksverein“,  dessen  Programm
in  seinen  Hauptsätzen  lautete:  wir  wollen  keine  Einigung  des  deutschen
Vaterlands  auf  italienischen  Wegen  „durch  Blut  und  Brand“,  sondern
eine  Verständigung  der  Fürsten  und  Völker  im  Festhalten  an  Obrigkeit
und  Recht.  Wir  wollen  keine  Verleugnung  unseres  preußischen  Daterlandes
  und  seiner  ruhmreichen  Geschichte,  kein  Untergehen  in  dem  Schmutz
einer  deutschen  Republik,  keinen  Kronenraub  und  Wationalitätenschwindel,
keine  Zeseitigung  des  christlichen  Fundaments  unserer  Derfassung  und
keine  Schädigung  unserer  Wachtstellung  durch  Schwächung  der  Armee,
kein  parlamentarisches  Regiment  und  kein  Königtum  von  Derfassungs
Gnaden,  sondern  allein  ein  persönliches  Königtum  von  Gottes  Gnaden
nebst  Oflege  der  Kirche  und  der  christlichen  Schule  zum  Kampf  gegen
die  immer  weiter  um  sich  greifende  Entsittlichung  und  Wichtachtung  göttlicher
  und  menschlicher  Ordnung.

Es  war  klar:  scharf  richtete  sich  der  Dolksverein  gegen  das  Ministe—
rium  der  neuen  Ara.  Aber  nicht  minder  scharf  formulierte  von  der
andern  Seite  her  die  „Deutsche  Fortschrittspartei“  ihre  Forderungen.  Das
waren  die  mehr  oder  weniger  demokratisch  Gesinnten,  die  im  Anfange
der  Regentschaft  sich  zurückgehalten  Hatten,  um  der  Regierung  der  neuen
Ara  keine  Schwierigkeiten  zu  bereiten.  Jetzt  war  der  versöhnliche  Geist  geschwunden;
  jetzt  verlangten  sie  in  einem  Atem  das  Unvereinbare:  kühne
Wagnisse  zur  Begründung  des  deutschen  Bundesstaates  unter  preußischer
Leitung  und  demütige  Unterordnung  der  Regierung  unter  den  Willen
der  Nation,  unbegrenzte  Kriegsopfer  für  die  Ehre  und  die  Machtstellung
des  Daterlandes  und  Derkürzung  der  militärischen  Dienstzeit.  Selbst  die
Person  des  Königs  ließen  sie  nicht  unangetastet.  Er  meine  es  wohl  gut,
war  die  Meinung,  aber  seine  Bedenklichkeit  trage  die  RKauptschuld,  daß
Oreußen  in  zwei  Jahren  wie  in  der  inneren  Gesetzgebung,  so  auch  in
der  Umgestaltung  des  Deutschen  Bundes  nur  so  geringe  Erfolge  erzielt
habe.  Die  Mißstimmung,  unter  der  sie  selbst  zu  leiden  glaubten,  waren
sie  bestrebt  durch  Wort  und  Schrift  in  weitere  Kreise  zu  verbreiten  und
verführten  wohl  auch  manch  jugendlich-urteilsloses  Gemüt.  Don  hier  her
hatte  der  unselige  Oskar  Becker  das  Gift  in  sich  aufgenommen,  das  zu
ruchloser  Frevelthat  ihn  verblendete.

Wir  lassen  die  Aufzeichnung  berichten,  die  der  König  selbst  unmittelbar
  nach  dem  Attentat  gemacht  hat.  Er  befand  sich  damals  mit  der
Königin  in  Baden-Baden.  „Als  ich  heute,  den  14.  Juli,  in  der  Lichten-