296  Drittes  Kapitel.

thaler  Allee  ging,  früh  ½0  Uhr,  ging  ein  junger,  ungefähr  20  jähriger
Mann  an  mir  vorüber  von  hinten  kommend  und  grüßte  mich  auf  eine
besonders  freundliche,  fast  herzliche  Art,  indem  er,  den  Hut  abnebmend,
denselben  mehrere  Male  grüßend  schwenkte.  Da  er  bald  darauf  seine
Schritte  verkürzte,  so  ging  ich  wieder  an  ihm  vorüber,  wobei  er  nochmals
grüßte.  Dies  geschab  wenige  Schritte  vor  und  hinter  dem  Rause,  in
welchem  früher  der  Maler  von  Bever  wohnte.  An  der  Kettenbrücke  begegnete
  mir  mein  Gesandter,  Graf  Klemming,  der  mich  nun  begleitete.
Dielleicht  150  Schritt  jenseit  des  Birtenhäuschens  fiel  ein  Schuß  in  solcher
Nähe  von  hinten  auf  mich,  daß  ich  sofort  einen  Schmerz  an  der  linken
Seite  des  Halses  fühlte,  eine  Dröhnung  im  ganzen  Kopfe  empfand  und
mit  der  linken  Zand  sogleich  nach  der  verletzten  Stelle  griff,  ausrufend:
Mein  Gott,  was  war  das!  —  Graf  Flemming  und  ich  drehten  uns
gleichzeitig  um,  und  ich  sah  oben  bezeichneten  jungen  Alann  ganz  ruhig
hinter  uns  auf  drei  Schritte  stehen.  Graf  Flemming  fragte  ihn:  „Wer
hat  hier  geschossen  d  Haben  Sie  geschossen  d“"  worauf  der  Mann  ganz
gelassen  erwiderte:  „Ich  habe  auf  den  König  geschossen.“  —  Graf
Flemming  griff  ihm  nun  in  die  Halsbinde  und  hielt  ihn  fest,  fragend:  „Womit
  haben  Sie  geschossen  “  Er  zeigte  auf  einen  in  das  Gras  geworfenen
Regenschirm,  und  einige  Schritte  von  demselben  lag  ein  Doppelterzerol,
von  dem  beide  Läufe  abgeschossen  waren.  Da  sofort  ein  Herr,  der  der
Rechtsanwalt  Süpfle  von  Gernsbach  sein  soll,  und  ein  andrer  Mann,
der  Amtsverweser  Refr.  Schill  aus  Achern,  zugesprungen  waren  und  den
jungen  Mann  zu  Boden  warfen,  ausrufend:  „Das  ist  eine  Schmach  und
Schande  für  Baden,  das  muß  das  Dolk  rächen“,  —  so  hatte  Graf  Flemming
  Seit,  die  Histole  aufzunebmen  und  den  Regenschirm.  MWittlerweile
war  der  Hotelbesitzer  Zrandt  aus  Berlin  hinzugekommen  und  diese  drei
Berren  brachten  den  Wenschen  in  einen  Wietswagen,  der  gerade  vorbeifuhr.
  Ich  ersuchte  die  Berren,  ihm  nichts  zuleide  zu  thun,  und  bestimmte,
  daß  dieselben  unter  Geleite  des  Grafen  SFlemming  ihn  zum
Stadtdirektor  Kurz  transportieren  sollten.  —  Ein  vierter  Herr,  Wr.
Blanquet,  Kaufmann  aus  Haris,  sagte  mir  in  KFranzösisch,  daß  mein
Rockkragen  von  einer  Kugel  zerrissen  sei  und  ebenso  die  Zalsbinde  gestreift
  wäre;  ich  zog  ihn  aus  und  überzeugte  mich  von  der  Richtigkeit
der  Angabe.  Die  Kontusion  am  Halse  blutete  nicht,  aber  verursachte
einen  leichten,  brennenden  Schmerz.  Ich  konnte  daher  die  Dromenade
bis  gegen  Tichtenthal  fortsetzen  und  kehrte  von  dort  mit  der  Königin  zu
Fuß  nach  Rause  zurück.
Baden--Baden,  den  14.  Juli  1861,  11  Uhr  vormittags.“"