Die  Krönung.  297

Der  Verbrecher  war  der  Sohn  eines  Gymnasialdirektors  in  Odessa,
wohin  dieser  vor  30  Jahren  von  Chemnitz  ausgewandert  war.  Der
Sohn,  1850  geboren,  studierte  seit  2  Jahren  in  Leipzig  die  Rechte;  er
lebte  hier  in  ziemlich  dürftigen  Verhältnissen,  hauptsächlich  durch  kleine
schriftstellerische  Arbeiten  in  russischer  oder  deutscher  Sprache  seinen  Unterhalt
  sich  erwerbend.  An  Fleiß  febhlte  es  ihm  nicht,  aber  er  hatte  etwas
Verschlossenes  und  Scheues  in  seinem  Wesen.  Daher  gehäörte  er  auch
keiner  Derbindung  an,  besaß  auch  keinen  vertrauten  Freund.  So  hatte
er  auch  keinen  Teilnehmer  oder  Mitwisser  der  verruchten  That,  zu  der  das
kritiklose  Lesen  demokratischer  Seitungen  ihn  gebracht  hatte.  Denn  in
seiner  Brieftasche  hatte  er  folgende  Erklärung  aufgezeichnet:

„Das  Motiv,  weshalb  ich  Se.  Majestät  den  König  von  Hreußen
erschießem  werde,  ist,  daß  derselbe  die  Einigkeit  Deutschlands  nicht  herbeiführen
  kann,  und  die  Umstände  überwältigen,  daß  die  Einigkeit  stattfindet;
  —  dieserbalb  muß  er  sterben,  daß  ein  anderer  es  vollbringt.
Man  wird  mich  um  der  That  willen  lächerlich  machen,  oder  für  überspannt
  halten;  ich  aber  muß  die  That  vollziehen,  um  das  Daterland
glücklich  zu  machen.“

Er  wurde  von  den  badischen  Gerichten  zu  langjähriger  Kerkerstrafe
verurteilt.

üÜber  König  Wilhelm  aber  hatte  Gott  seine  Band  schützend  gehalten.
Die  Untersuchung  durch  den  Ceibarzt  ergab,  daß  die  Kugel  die  linke
Seite  des  Ralses  gestreift  und  daselbst  eine  Kontusion  von  etwa  2,5  cm
Durchmesser  verursacht  hatte.  Die  Stelle  war  mit  Blut  unterlaufen,  die
Derletzung  aber,  obgleich  der  Schuß  aus  nächster  Tähe  abgegeben  war,
ohne  alle  Gefahr.  Ohne  Beschwerde  war  er  daher  imstande,  persönlich
Tag  für  Tag  alle  die  zahlreichen  Abordnungen  von  nah  und  fern
zu  empfangen,  die  da  kamen,  mit  ihrem  Abschen  über  das  nichtswürdige
  Attentat  ihre  Freude  über  die  glückliche  Errettung  ihm  auszusprechen
  und  die  DHersicherung  ihrer  treuen  LCiebe  und  Dereb#rung  ihm  darzubringen.


Von  Baden-Baden  begab  sich  der  König  nach  COstende,  um  dort
Scebäder  zu  nehmen.  Dann  nahm  er  seine  Residenz  auf  Schloß  Brühl
am  Rhein,  in  dem  die  großen  Manöpver,  die  in  der  Umgegend  stattfanden,
eine  glänzende  Schar  von  Hrinzen  und  Fürsten  um  den  König  versammelten.
  Don  hier  reiste  er  Anfang  Oktober  nach  Compiegne,  um
den  Besuch  Kaiser  Tapoleons  vom  vorigen  Sommer  zu  erwidern.

Wenn  man  nach  einer  zweistündigen  Fahrt  von  Haris  auf  der  Mordbahn
  den  Wagen  verläßt  und  durch  die  freundliche  Landschaft  bis  auf