298  Zweites  Kapitel.

die  Höhen  von  Margny  gewandert  ist,  dann  werden  die  in  die  Runde
schweifenden  Blicke  durch  das  Bild  eines  Städtchens  gefesselt,  das  teils
auf  einer  Anhöhe,  teils  an  deren  Abhängen  gebaut  ist  und  stattliche
Türme  in  die  Luft  streckt.  Das  ist  Compieègne,  einst  ein  betriebsamer
Fabrikort,  jetzt  aber  lagert  kleinstädtische  Ruhe  über  den  engen  Gassen.
An  der  einen  Seite  begrenzt  das  prachtvolle  kaiserliche  Schloß  das  Städtchen.
Kier  stand  früher  die  Dfalz  Ludwigs  des  Beiligen.  Ludwig  XIV.  hatte
sie  zu  einem  Schlosse  umbauen  lassen,  Tapoleon  I.  jedoch  erst  den  Hrachtbau
  beendigt.  Ein  prächtiger  Hark  grenzt  daran,  der  unmittelbar  in
einen  herrlichen,  hochstämmigen  Forst  übergeht.  In  diesem  Walde,  an
einem  lieblichen  See  liegen  höchst  malerisch  die  Ruinen  des  Schlosses
Dierrefonds.  Nur  durch  die  starken  Stränge  üppig  wuchernden  Epheus
scheinen  die  geborstenen  Mauern  noch  zusammengehalten.  Der  interessanten
Chronik  des  Schlosses,  die  von  der  schönen  Benriette,  der  Gemahlin  Karl
Stuarts,  von  der  schwedischen  Königin  Christine  zu  erzählen  weiß,  wurde
jetzt  durch  den  Besuch  König  Wilhelms  bei  dem  französischen  Kaiserpaar
ein  neues,  nicht  minder  interessantes  Blatt  binzugefügt.

Kaiser  Napoleon  empfing  —  am  6.  Oktober  1861,  abends  um  6  Uhr
—  seinen  königlichen  Gast  auf  dem  Bahnhofe;  am  Fuß  der  Freitreppe
des  Schlosses  begrüßte  ihn  die  Kaiserin  Eugenie,  ihren  kleinen  Sohn  an
der  Kand.  Ritterlich  küßte  König  Wilhelm  der  Kaiserin  die  Hand  und
führte  sie  die  Treppe  binauf  in  die  Haradegemächer  des  Schlosses,  in
denen  ein  großes  Orunkmahl  stattfand.

Kür  den  folgenden  Tag  war  eine  Fasanenjagd  veranstaltet.  Um
2  Uhr  aber  wurde  ein  Ausflug  nach  den  Ruinen  von  Hierrefonds  unternommen.
  Als  die  Wagen  den  alten  Festungsgraben  des  Schlosses  erreichten,
  ertönten,  sie  begrüßend,  unvermutet  die  markigen  Klänge  des
Dessauer  Marsches.  Der  Kaiser  hatte  verdeckt  ein  Musikcorps  aufgestellt,
seinem  hohen  Gaste  diese  freundliche  Überraschung  zu  bereiten.  Die
Kaiserin  arrangierte  nun  schnell  ein  kleines  ländliches  Mahl,  bei  dem  sie
in  beiterster  Laune  die  liebenswürdigste  Wirtin  machte.  Die  Schönheit
des  Ortes  überraschte  den  König  sichtlich;  die  zwanglose  Fröhlichkeit  verfehlte
  auch  auf  ihn  ihren  Eindruck  nicht.  Nur  ungern  entschloß  man  sich
gegen  Abend,  die  Beimfahrt  anzutreten.  Denn  eine  neue  Aufmerksamkeit
wartete  des  hohen  und  hochwillkommenen  Gastes.  Der  Kaiser  hatte  die
besten  Kräfte  der  Comédie-Frangaise  aus  Haris  zu  einer  Festvorstellung
nach  Compiègne  kommen  lassen.  Aber  mehr  als  ihnen  war  die  allgemeine
  Aufmerksamkeit  den  beiden  Herrschern  zugewandt,  von  denen  der
eine  die  Genugthuung  wohl  erkennen  ließ,  die  es  ihm  bereitete,  seinem