300  Drittes  Kapitel.

erlauchten  Gaste  so  Treffliches  zu  bieten,  der  andere  mit  Herzlichkeit  an—
nahm,  was  ihm  so  liebenswürdig  geboten  wurde.

Auf  den  Mittag  des  8.  Obtober  hatte  König  Wilhelm  seine  Abreise
festgesetzt.  Am  Morgen  lud  ihn  der  Kaiser  ein,  über  das  Suaven-Bataillon,
  das  in  Compiègne  stand,  die  Harade  abzunehmen.  Der  Kaiser
war  in  Sivil.  So  nahm  denn  auch  der  König  im  schwarzen  Überrock
und  Cxlinder  die  Harade  über  das  Bataillon  ab  und  empfing  so  die
militärischen  Konneurs:  was  sicher  sehr  gegen  seine  Empfindung  war.

Wieder  bis  zum  Bahnbofe  gab  der  Kaiser  seinem  abreisenden  königlichen
  Gaste  das  Geleit.  In  der  freundlichsten  Weise  verabschiedeten
sie  sich  voneinander.  Und  als  der  Sug  davonfuhr,  rief  der  Kaiser  dem
am  Fenster  stehenden  Könige  die  Worte  zu:  „Auf  Wiedersehen  an  den
Ufern  des  Rheines!“  Gewiß  sollten  sie  eine  politische  Anspielung  enthalten;
  aber  der  König  hatte  seinen  Besuch  durchaus  nur  als  eine  persönliche
  Aufmerksamkeit  gemeint,  der  alle  Holitik  fern  blieb.

Am  10.  Oktober  traf  König  ilhelm  wieder  in  seinem  lieben
Babelsberg  ein.  Aber  schon  drei  Tage  danach  machte  er  sich  von  neuem
auf:  es  ging  nach  Königsberg  zur  Krönung.  .

Seitdem  Friedrich  J.  am  18.  Januar  1701  sich  in  Königsberg
die  preußische  Königskrone  aufs  Haupt  gesetzt,  hatten  die  preußischen
Könige  sich  begnügt,  bei  ihrem  Regierungsantritte  die  Erbhuldigung  der
Stände  entgegenzunehmen.  Jetzt  aber  bestanden  die  Stände  in  dem  alten
Sinne  nicht  mehr.  Preußen  war  ein  konstitutioneller  Staat  geworden
und  dadurch  in  eine  neue  Phase  seiner  Entwickelung  eingetreten.  Durch
einen  neuen  Krönungsakt  —  war  die  Meinung  des  Königs  —  sei  dem
Ausdruck  zu  geben.  Ihm  war  die  Krönung  eine  Weihe,  welche  die
Krone  über  das  Getriebe  der  widerstreitenden  Parteien  weit  hinaushob.
Er  legte  die  Frage  dem  Rate  der  Minister  vor;  sie  stimmten  ihm  zu:
auf  den  18.  Oktober  ward  die  Krönung  festgesetzt,  die  nach  dem  Gedanken
des  Königs  das  durch  eine  glorreiche  Geschichte  geknüpfte  Band  zwischen
dem  königlichen  Hause  und  dem  Dolke  Hreußens  befestigen  sollte.  So
entschied  er  auch,  der  Geschichte  folgend,  nicht  für  die  LCandeshauptstadt
Berlin,  sondern  für  Königsberg,  wo  sein  Ahn  einst  die  Königskrone  sich
aufgesetzt.  Eine  neue  Krone  war  auf  Befehl  des  Königs  für  die
Krönungsfeier  angefertigt.  Als  aber  der  Hofjuwelier  Sx  sie  brachte  und
um  die  Erlaubnis  bat,  sie  dem  Könige  zur  Hrobe  aufsetzen  zu  dürfen,
gestattete  es  dieser  nicht:  nicht  anders  als  bei  der  Krönung  dürfe  er  die
Krone  auf  dem  Raupte  tragen.  So  ganz  beherrschte  ihn  der  weihevolle
Sinn,  in  dem  er  die  Krönung  erfaßte.