Die  Krönung.  301

Ein  Ausdruck  dieses  Sinnes  war  es  auch,  daß  er,  als  er  die  Krönungsfahrt
  antrat  —  es  war  am  Sonntag,  dem  15.  GOktober  —  in  der
Mlorgenfrühe  einen  Gebetsgottesdienst  in  der  Friedenskirche  bei  Hotsdam
  halten  ließ,  an  dem  er  mit  der  Königin  und  dem  kronprinzlichen
Daare  teilnahm.  Dann  erst  erfolgte  (bald  nach  7  Uhr)  die  Abreise
nach  Berlin,  wo  die  übrigen  Mitglieder  des  königlichen  Hauses  sowie
der  Großherzog  von  Sachsen-Weimar  zur  Weiterfahrt  nach  Königsberg
sich  anschlossen.

Die  Reise  glich  einem  Triumphzuge.  Alle  Orte,  die  der  königliche
Sug  passierte,  hatten  sich  festlich  mit  Blumen  und  Fahnen  geschmückt,
und  selbst  auf  den  kleinsten  Stationen  begrüßten  dichtgescharte  Menschen—
massen  ihren  Berrscher  mit  herzlichen  ZHochrufen.  Nur  in  Kreutz  und  in
Bromberg  machte  der  König  einen  etwas  längeren  Aufenthalt,  um  die
Begrüßung  der  auf  dem  Babnsteig  versammelten  Abordnungen  entgegenzunelmen.
  Dennoch  wurde  es  11  Uhr,  bevor  der  königliche  Sug  in
Tudwigsort,  der  letzten  Station  vor  Königsberg,  eintraf.  Durch  die  acht
ging  es  indessen  von  hier  noch  15  Kilometer  weiter  nach  dem  Schlosse
des  Grafen  Dohna  Capustligall,  das  zum  Nachtquartier  bestimmt  war.

Am  nächsten  Dormittage  begab  sich  der  König  mit  der  HKönigin  nach
Schönbusch,  2  Kilometer  vor  Königsberg.  Denn  von  hier  aus  sollte  der
feierliche  ESinzug  in  die  Krönungsstadt  durch  das  neue  Brandenburger
Thor  stattfinden.  Frisches  Leben  durchwogte  die  Straßen  der  Stadt;
denn  von  weither  war  aus  Dorf  und  Stadt  nach  Königsberg  gekommen,
wer  sich  nur  irgend  daheim  freimachen  konnte.  Auch  die  Soldaten,  nicht
militärisch  aufgestellt,  hatten  Freiheit,  sich  nach  Gefallen,  das  Straßenbild
belebend,  unter  die  Einwohner  und  Gäste  zu  mischen.

Da  erdröhnten  die  Kanonen.  Es  war  mittags  12  Uhr.  Der
Krönungszug  war  vor  der  Stadt  angekommen.  Gendarmen,  in  einem
Gliede  reitend,  eröffneten  ihn.  Dann  kam  nach  altem  Brauch  die  Metzger—
zunft  zu  Pferde,  Trompeter,  auch  ein  Hauker  voran.  Ihr  folgte  im
Schritt  eine  Schwadron  der  Gstpreußischen  Kürassiere.  Unter  dem  Dortritt
  von  zwei  Flügeladjutanten  kam  jetzt  der  König  auf  einem  herrlichen
arabischen  Dollblutbraunen.  Er  hatte  die  große  Generalsuniform  mit
dem  Bande  des  Schwarzen  Adlerordens  angelegt.  KFreundlich  dankte  er
für  die  brausenden  Rurrarufe  der  dichtgedrängten  Dolksmassen.  In  den
Uniformen  ihrer  Regimenter,  gleichfalls  zu  Roß,  folgten  ihm  der  Kronprinz
  und  die  übrigen  Hrinzen  des  königlichen  Rauses.  Nach  ihnen,  in
geringem  Swischenraume,  kam  der  achtspännige  Galawagen  der  Königin,
dem  zwei  Vorreiter  und  zwei  Stallmeister  voranritten.  Die  Generale