302  Drittes  Kapitel.

und  Flügeladjutanten  zu  Pferde  und  die  sechsspännigen  Wagen  der
Damen  und  Kapvaliere  der  Königin  schlossen  den  glänzenden  Zug.

Der  König  sollte  der  erste  sein,  der  das  neue  Festungsthor  passiere.
Noch  war  der  Bau  nicht  ganz  vollendet.  Aber  künstlich  hatte  man  ihm
seine  zukünftige  Gestalt  gegeben  und  die  Zinnen  und  Scharten  mit  Kronen,
Wappen  und  Fahnen  geschmückt,  während  frei  in  die  Cuft  darüber  die
Inschrift  sich  erhob:  „Glück  Zohenzollern!"  Nun  feel  die  Schranke,  die
es  bis  dahin  gesperrt  hatte:  und  hinein  ritt  der  König  in  seine  gute  Stadt,
von  einer  Schar  junger  Mädchen  festlich  bewillkommnet  und  von  dem
alles  übertönenden  Zubel  der  Menge  am  Wege  begrüßt,  die  hinter  den
Reihen  der  Spalier  bildenden  Schützengilden  der  ostpreußischen  Städte
alles  erfüllte.

Unter  endlosem  Jubel  ging  der  Sug  durch  die  Stadt  zum  Schlosse.
Vor  demselben  hatten  die  Offiziercorps  sich  aufgestellt;  auf  der  großen
Freitreppe  standen  die  Geistlichen  und  die  Hrofessoren  der  Universität  im
Ornat,  während  eine  einzige  wogende  Wenschenmenge  den  weiten  Schloßhof
  innehatte.  Oben  in  den  Sälen  des  Schlosses  war  die  Generalität,
die  Spitzen  der  Behörden  und  die  hervorragendsten  Dertreter  der  Wissenschaft
  und  Kunst  versammelt.  Nun  trat  der  König  in  ihre  Mitte.  Rückwärts
  wandten  sich  von  der  glänzenden  Gegenwart  seine  Gedanken,  als
er  mit  ernster  Miene  sie  anredete.  Don  der  schweren  Seit  sprach  er,
welche  die  königliche  Familie  einst  hier  in  diesem  selben  Schlosse  verlebt
hatte;  mit  Wehmut  gedachte  er  dabei  seines  in  Gott  ruhenden  Daters
und  Bruders.

Der  Erinnerung  war  dann  auch  der  folgende  Tag  geweiht:  war
er  doch  der  Geburtstag  König  Friedrich  Wilbelms  IV.  Auf  eine  einfache
  und  schlichte  Art  war  das  Schlafzimmer  der  Königin  Luise  zu  einer
Rauskapelle  geschmückt;  wo  sonst  das  Bett  der  Königin  stand,  war  ein
Altar  errichtet.  Hier  ließ  der  König  ganz  in  der  Stille  eine  Andachtsstunde
  durch  den  Oberhofprediger  Snethlage  halten  und  empfing  mit  der
Königin  aus  dessen  Bänden  dann  das  heilige  Abendmahl.  In  stiller
Surückgezogenheit,  wie  es  seine  Sitte  war,  verlebte  das  hohe  Haar  den
Tag  dann;  nur  der  Einweihung  der  Kapelle  des  Krankenhauses  „Gur
Barmherzigkeit“  wohnte  es  ohne  alles  Gepränge  bei.

Allein  der  Gottesfrieden  des  geistlichen  Rüsttages  wurde  am  späten
Abend  noch  in  sehr  geräuschvoller  Art  unterbrochen.  Der  Erzherzog
Karl  Ludwig  langte  an,  der  beauftragt  war,  den  Kaiser  von  Esterreich
bei  der  Krönungsfeier  zu  vertreten.  Und  kurz  nach  11  Uhr  traf  auch
der  „Diplomatenzug“"  ein,  der  von  Berlin  außer  manchen  fürstlichen