306  Drittes  Kapitel.

Nach  kurzer  Pause  folgte  nun  der  Zug  der  Königin.  Pagen,
Kammerherren,  Palastdamen  und  Hofdamen  eröffneten  ihn.  Vor  der
Königin  trug  der  General  der  Kavallerie,  Graf  von  der  Gröben,  die
Krone  einher;  neben  der  Königin  schritt  der  Oberhofmeister,  Graf  von
Boos-Waldeck.  Die  Königin  war  ganz  in  Weiß  gekleidet;  vier  Gräfinnen,
ebenfalls  in  Weiß,  trugen  ihre  Schleppe.  Ihr  folgte,  von  ihren  Damen
begleitet,  die  Kronprinzessin,  die  einen  Hermelinmantel  um  die  Schultern
gelegt  hatte.  Die  übrigen  Hrinzessinnen  des  HKöniglichen  Rauses  schlossen
sich  ihr  an.  Swölf  Hagen  bildeten  den  Beschluß.

Am  Hortal  der  Kirche  wurde  wie  der  KRönig,  so  auch  die  Königin
von  der  Geistlichkeit  empfangen  und,  während  der  Gesang  des  Domchores
von  der  Grgel  herübertönte,  zu  den  Thronen  geleitet.  Der  Gottesdienst
begann.  Der  Generalsuperintendent  Woll  hielt  die  Liturgie,  Hofprediger
Roffmann  die  Krönungspredigt.  Dann  ertönten  die  feierlichen  Klänge
des  Domine,  salvum  fac  regem.  Die  Würdenträger  nahmen  die  Krö—
nungsinsignien,  die  sie  auf  Taburetts  niedergelegt  hatten,  auf  und  trugen
sie  zum  Altare.  Nur  die  Träger  des  ZReichsschwertes  und  des  Reichsinsiegels
  blieben  auf  der  linken  Seite  des  Altars  stehen,  ohne  dieselben
aus  der  Band  zu  legen.

Der  König  erhob  sich  auf  dem  Throne.  Der  Obersttruchseß  und
der  Oberstmundschenk  nahmen  ihm  den  Wantel  ab;  er  trat  zum  Altare
hin,  kniete  auf  der  untersten  Stufe  desselben  nieder  und  verrichtete  ein
stilles  Gebet.  Dann  nahm  er  den  Helm  ab,  worauf  der  GOberstkämmerer
mit  dem  Grand-mattre  de  la  garderobe  ihm  den  purpurnen  Krönungsmantel
  umlegten.  Langsam  stieg  der  König  so  die  Stufen  zum  Alltare
hinauf,  erhob  sein  Angesicht  zu  dem  Bilde  des  Gekreuzigten,  neigte  sein
Haupt  auf  den  Altar  und  betete.  Darauf  ergriff  er  die  Krone  auf  dem
Altare,  hob  sie  empor  und  setzte  sie  sich  aufs  Haupt.  Mit  mächtigen
Tönen  schlugen  in  diesem  Augenblicke  die  Glocken  an,  und  draußen  auf
dem  nahen  Königsgarten  donnerten  die  Kanonen.  Mit  erhobener  Stimme
aber  betete  der  celebrierende  Geistliche,  Hofprediger  Snethlage:  „Sott,
der  Allmächtige,  der  Berr  des  Himmels  und  der  Erden,  bestärke  Euch  in
allen  christlichen  Tugenden,  auf  daß  das  Land  durch  Euer  gutes  und
glückliches  Regiment  aufblühe  und  daß  der  Tag  des  ewigen  ZReiches
wahrhaftig  werde!“

Der  König  ergriff  nun  mit  der  Rechten  das  Septer,  wendete  sich
um  und  hielt  dies  Seichen  höchster  weltlicher  Macht  mit  erbobenem  Arm
empor.  Der  Geistliche  aber  betete  laut:  „Gott,  der  Allmächtige,  welcher
Euch  zum  Herrscher  über  Sein  Dolk  gesetzt  und  befohlen  hat,  daß  Ihr