312  Drittes  Kapitel.

die  ich  nicht  schildern  kann.  Ich  war  dort  mit  meinen  verewigten  Eltern
unter  ganz  anderen,  sehr  trüben  Verhältnissen,  und  jetzt  habe  ich  dort
eine  Feier  begangen,  die  bisher  nur  einmal  vollzogen  worden  ist.  So
liegen  Schmerz  und  Freude  nahe  beisammen,  und  dies  giebt  den  Wink,
stets  nach  oben  zu  schauen  und  Gott  für  die  Gnade  zu  danken,  die  er
mir  so  sichtlich  gewährt.  Darum  habe  ich  von  Gott  die  Krone  empfangen,
sie  von  Gottes  Tisch  genommen  und  sie  auf  mein  Haupt  gesetzt,  auf  daß
ich  sie  in  Demut  trage,  weil  Er  sie  mir  verliehen.  Mögen  die  Gefühle
dauernd  bleiben,  die  Sie  soeben  ausgesprochen.  An  mir  werden  Sie  stets
einen  Vater  des  Volkes  finden.“

Auf  dem  Alexanderplatz  waren  112  junge  Mädchen  aufgestellt,  deren
anmutige  Sprecherinnen  das  heimkehrende  Königspaar  mit  einigen  Dersen
willkommen  hießen.  Allle  Musikchöre  schwiegen.  Da  ertönten  von  der
Höhe  des  Triumphbogens  herab  die  rauschenden  Klänge  des  Triumphmarsches,
  unter  denen  der  Sug  sich  wieder  in  Bewegung  setzte.  In  der
Königsstraße  verklang  der  Marsch,  und  mit  „Beil  Dir  im  Siegerkranz!“
setzten  die  Musikchöre  wieder  ein,  über  die  Kurfürstenbrücke  und  den
Schloßplatz  hinweg.  Als  aber  der  König  in  die  Schloßfreiheit  einlenkte,
erhob  sich,  gleichsam  den  Weg  zu  weisen,  ein  dichter  Schwarm  von
Tauben,  alle  mit  schwarzweißen  und  grüngelben  Bändern  geschmückt;  wie
eine  Wolke  schwebten  sie  einen  Augenblick  über  dem  Festzuge;  dann
strichen  sie  schwirrend  über  das  Schloß  hin  und  verschwanden  nach  dem
Lustgarten.  Nun  bog  der  König  nach  dem  TLustgarten  ein,  und  zugleich
ging  langsam  über  dem  Schloßportale,  schwere  Falten  schlagend,  die
Königliche  Hurpurstandarte  in  die  Röhe,  dem  Dolke  verkündigend,  daß
sein  König  von  der  Krönungsfahrt  zu  dem  Schlosse  seiner  Däter  wieder
Beimgekehrt  sei.

Am  folgenden  Tage  fand  eine  große  Harade  der  Berliner  Garnison
und  nach  derselben  im  Weißen  Saale  des  Schlosses  bei  den  Majestäten
Krönungscour  statt.  Dann  folgten  in  raschem  Wecksel  sich  die  Festlichkeiten,
  welche  die  Drinzen  des  Königlichen  Hauses  und  nach  denselben  die
Krönungs-Botschafter  dem  Königspaare  zu  Ehren  gaben.  Es  schien,  als
wollten  die  fremden  Böfe  sich  überbieten:  so  viel  Hracht  und  Glanz
wurde  dabei  entfaltet.  Aber  Schöneres  bot  doch  niemand,  als  der  Mar—
schall  Mac  Mahon,  den  Kaiser  Mapoleon  als  seinen  Krönungs-Botschafter
entsendet  hatte.  Fünfzig  Dekorateure  hatte  der  Marschall  aus  Haris
kommen  lassen,  um  die  Räume  der  französischen  Botschaft  am  DHariser
Dlatz  in  zauberische  Hallen  umzuwandeln;  ja  eine  weite  maurische  Festhalle,
  in  all  ihren  Einzelheiten  in  Haris  hergestellt,  wurde  für  den  einen