Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.  319

handele,  die  der  Landtag  bei  der  nächsten  Gelegenheit  wieder  zurücknehmen
  könne  und  würde.  Wiederum  gab  sich  auch  damit  das  Mini—
sterium  zufrieden.  Statt  getragen  und  gefördert,  sah  es  sich  in  seinen
Maßnahmen  durch  die  liberale  Kammermajorität  gehemmt  und  gegängelt,
ohne  doch  etwas  gegen  eine  solche  Abhängigkeit  zu  vermögen.  Aber  diese
Lauigkeit  und  Mattigkeit  machte  die  demokratische  Dartei  im  Lande,  die
vor  der  „neuen  Ara“  sich  vorsichtig  zurückgezogen  hatte,  dreist;  jetzt  erschien
  sie  auf  dem  Plan  und  erhob  ihre  Stimme  gegen  die  neue  Kra,
die  nirgend  die  gehegten  Erwartungen  erfüllt  hätte.  Es  waren  die
alten  umsturzlustigen  Demokraten,  jedoch  durch  die  gemachten  Erfahrungen
etwas  gewitzigt,  auch  wohl  gemildert,  die  jetzt,  da  die  Wahlperiode  des
Abgeordnetenhauses  im  Berbst  1861  zu  Ende  ging,  unter  dem  gut
klingenden  amen  der  „Deutschen  Fortschrittspartei"  in  die  Wahlbewegung
  eintrat.  KFreilich  den  Unterschied  gegen  1848  erkannten  sie
wohl:  jetzt  war  nicht  an  einen  Umsturz  des  Bestehenden,  nicht  an  einen
Aufruf  der  Massen  zu  revolutionären  Erhebungen  zu  denken,  und  vor
allem  jetzt  stand  ihnen  ein  König  gegenüber,  zu  dem  in  Treue  und  Derehrung
  sein  Dolk  stand.  Denn  des  Königs  redlicher  und  treuer  Wille
war  über  jeden  Sweifel  erhaben:  hatte  er  doch  eben  noch  im  Ministerium
  des  Außern  den  ängstlich  befangenen  Schleinitz  durch  den  Grafen
Bernstorff,  den  preußischen  Gesandten  in  London,  ersetzt,  um  einen  kräftigeren
  Sug  in  die  äußere  Holitik  Dreußens  zu  bringen.  Aber  man
hielt  ihn  für  schlecht  beraten.  Gegen  das  Ministerium  daher  richtete
sich  die  Agitation;  und  sie  war  so  erfolgreich,  daß,  während  die  Konservativen
  auf  24  Stimmen  zusammenschmolzen,  die  Fortschrittspartei  als
die  zahlreichste  in  das  neugewählte  Abgeordnetenhaus  eintrat.  Sie  forderte
  Umgestaltung  des  Berrenhauses,  keine  Bewilligung  für  die  Reorganisation
  des  Beeres,  bis  ein  Gesetz  durch  Einführung  der  zweijährigen
Dienstzeit  und  durch  Erhaltung  der  Landwehr  eine  Derminderung  der
Steuern  herbeigeführt  habe,  und  energisches  Eintreten  der  Regierung
für  die  Berufung  eines  deutschen  Darlaments  und  für  die  Schöpfung
einer  preußisch-deutschen  Sentralgewalt.  Sie  erreichte  damit,  daß  ein
erheblicher  Teil  der  LCiberalen  sich  ihr  anschloß,  so  daß  sie  alle  Aussicht
gewann,  in  dem  neu  zusammentretenden  Abgeordnetenhause  über  die
Mehrheit  der  Stimmen  zu  verfügen.

Beutzutage  besteht  nicht  der  geringste  Sweifel,  daß  die  Durchführung
der  Reorganisation  der  Armee  einer  der  ersten  Ruhmestitel  König  Wilhelms
  ist,  durch  den  er  den  Dank  des  Haterlandes  im  höchsten  Grade
sich  gewonnen  hat.  Denn  erst  durch  dies  grundlegende  Werk  sind  die