322  Viertes  Kapitel.

fordert  einträchtiges  Zusammenwirken  zwischen  mir  und  meinem  Volke.
Ich  zähle  auf  die  patriotische  Unterstützung  seiner  Vertreter.“

Aber  wie  wenig  entsprach  das  Abgeordnetenhaus  dieser  Erwartung
seines  Königs!  150  Stimmen  durch  den  Anschluß  der  Fraktionen  Bockum-Dolffs
  und  Immermann  stark,  behberrschte  die  demokratische  Linke  das
Raus;  nur  02  ministerielle  „Altliberale“"  mit  24  Konservativen  standen
ihr  gegenüber.  Denn  die  HZaltung  des  jetzt  zum  erstenmal  auftretenden
katholischen  Sentrums,  das  etwa  50  Stimmen  zählte,  war  noch  unklar.

Sofort  begann  die  Linke  den  Kampf  gegen  das  Ministerium.  Die
preußische  Regierung  hatte,  um  die  deutsche  Frage  zu  fördern,  durch  ein
Rundschreiben  an  die  deutschen  Böfe  (vom  20.  Dezember  1861)  erklärt,
die  Reform  des  Deutschen  Bundes  könne  nur  durch  die  Gründung  eines
Bundesstaates  innerhalb  des  deutschen  Staatenbundes  von  1815  bewirkt
werden.  Schon  diese  Erinnerung  an  die  preußischen  Unionsbestrebungen
von  1840  hatte  durch  die  Hindeutung  auf  Deutschlands  Einheit  in  den
Mittelstaaten  zumal  des  Südens  einen  wahren  Sturm  von  Ceidenschaft
hervorgerufen  und  auch  Ssterreich  im  höchsten  Grade  aufgebracht:  unbekümmert
  darum  ging  das  Abgeordnetenbaus  noch  viel  weiter.  Sur  Beratung
  der  deutschen  Frage  wurde  ein  Ausschuß  eingesetzt,  der  Ende
Februar  den  Antrag  vor  das  Raus  brachte,  daß  Hreußen  einen  deutschen
Bundesstaat  mit  einem  deutschen  Darlament  ins  Leben  zu  rufen  habe,
da  das  deutsche  Dolk  ein  Anrecht  auf  die  Zeichsverfassung  von  1840
habe,  der  Bundestag  aber,  1848  rechtmäßig  aufgehoben,  überhaupt  nicht
zu  Zecht  bestehe.  Eindringlich  wies  die  Regierung  auf  das  Gefährliche
dieses  Antrags  hin,  dessen  Annahme  sofort  zu  einem  Kriege  mit  Süddeutschland
  und  Csterreich  führen  müsse.  Aber  die  Kommission,  der  Annahme
  ihres  Antrages  im  Hlenum  des  HBauses  sicher,  beharrte  auf  ihrem
Beschlusse:  sie  glaube  nicht  an  eine  solche  Sefahr;  aber  wenn  das  Ministerium
  so,  war  die  Mleinung,  vor  jedem  tapferen  Entschlusse  zurückbebe,
wozu  dann  die  Bewilligung  der  neuen  Regimenter  der  Reorganisation?
Sie  würden  ja  doch  nur  für  müßigen  Haradedienst  bestimmt  sein!

Auf  die  Militärfrage  lief  eben  alles  hinaus.  Dem  Wunsche  des
vorjährigen  Abgeordnetenhauses  entsprechend,  brachte  die  Regierung  eine
neue  Gesetzesvorlage  über  die  Wehrpflicht  ein,  die  den  Wünschen  des  Hauses
möglichst  Rechnung  trug,  besonders  auch  die  Kosten  der  Reorganisation
noch  weiter  ermäßigte.  Sie  fand  indessen  in  der  für  das  Wehrgesetz  eingesetzten
  Kommission  sehr  wenig  Beifall.  Stavenhagen,  ein  General  a.  D.,
die  militärische  Autorität  der  Linken,  erklärte  alles  Entgegenkommen  der
Regierung  für  wertlos,  solange  sie  an  der  dreijährigen  Dienstzeit  fest—