Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.  325

Allein  über  das  weitere  Verfahren  waren  die  Minister  unter  sich
nicht  einig.  Roon,  von  der  Heydt  und  auch  Graf  Bernstorff  waren  der
Meinung,  daß  die  Regierung  sich  aus  Nachgiebigkeit  schon  zu  weit  nach
links  habe  drängen  lassen,  während  doch  nur  durch  festen  Widerstand
ein  Erfolg  der  Kammermehrheit  gegenüber  sich  hoffen  lasse.  Die  Mehr—
heit  des  Ministeriums  dagegen  glaubte  nur  durch  weitere  Zugeständnisse
an  das  Abgeordnetenhaus  die  Militärvorlage  durchbringen  zu  können.
Indessen  dieser  Weg  mußte  notwendigerweise  die  Regierung  in  Zwiespalt
mit  dem  Herrenhause  bringen,  das  bisher  treu  zu  dem  Könige  gestanden.
Uneingeschränkt  hatte  es  schon  1860  die  Reorganisation  gut  geheißen
und  die  Kosten  bewilligt,  sogar  in  einer  dem  Beschlusse  angefügten  Resolution
  die  Regierung  dringend  aufgefordert,  an  dem  Reformplane  festzuhalten
  und  alle  dazu  erforderlichen  Maßregeln  kräftig  zur  Ausführung
zu  bringen.

In  unversöhntem  Gegensatze  standen  demnach  die  beiden  Häuser  des
Candtages  gegeneinander.  Die  Frage  war  also,  auf  welches  die  Regie—
rung  fortan  sich  stützen  solle.  Wer  den  König  kannte,  konnte  nicht
zweifeln,  wie  seine  Entscheidung  ausfallen  würde.  Vie  vergaß  sein  treues
Herz  einen  Dienst,  der  ihm  einmal  geleistet  war.  Dazu  kam  die  Er—
wägung,  daß  er  bei  weiterer  Nachgiebigkeit  gegen  das  Abgeordnetenhaus
von  der  konservativen  Basis,  auf  die  er  seine  Regierung  gestellt,  ganz
abkommen  würde.  Und  die  Wage  sank  zu  gunsten  des  Herrenhauses.
Er  nahm  die  Entlassungsgesuche  der  liberalen  Minister  an  und  betraute
den  Präsidenten  des  Herrenhauses,  den  Fürsten  zu  Hohenlohe--Ingelfingen,
mit  dem  Vorsitz  in  dem  neuen  Kabinett.

Die  neue  Ara  war  zu  Ende.  Am  11.  März  erhielten  die  erbetene
Entlassung  die  Minister  Auerswald,  Patow,  Bernuth,  Graf  Pückler  und
Graf  Schwerin.  Wie  wenig  von  den  Hoffnungen,  die  einst  auf  sie  gesetzt
  waren,  hatten  sie  erfüllt!  Mit  freudigem  Beifall  vor  vier  Jahren
begrüßt,  sah  man  jetzt  sie  ohne  Bedauern  scheiden.  Dennoch  gehörte  bei
der  aufgeregten  Stimmung,  die  im  ganzen  Volke  durch  die  demokratischen
Umtriebe  und  Verhetzungen  geschürt  wurde,  Mut  dazu,  die  arg  verfahrene
Erbschaft  der  Scheidenden  anzutreten.  Das  Innere  übernahm  Herr
von  Jagow,  den  Kultus  Herr  von  Mühler,  Graf  zur  Cippe  die  Justiz,
die  Landwirtschaft  Graf  Itzenplitz.  Aus  dem  früheren  Kabinett  war
Roon  Kriegsminister  geblieben,  von  der  Heydt  wurde  Finanzminister  und
das  Außere  behielt  Graf  Bernstorff.  Da  aber  dieser  den  Botschafterposten
  am  englischen  Zofe,  von  dem  er  gekommen  war,  unbesetzt  ließ,  so
machte  es  den  Eindruck,  als  würde  er  auf  denselben  bei  nächster  Gelegen-