Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.  327

reaktionärem.  Absolutismus  unbeugsamen  Widerstand  entgegenzusetzen.
Swar  suchte  durch  starke  Beeinflussung  der  ahlbewegung  das  neue
Ministerium  dem  zu  begegnen,  aber  es  erreichte  damit  nur,  daß  selbst
gemäßigte  Männer  der  oppositionellen  Strömung  sich  anschlossen.  So
ergaben  denn  die  Meuwahlen  des  6.  Mai  den  vollständigen  Sieg  der
ortschrittspartei  und  der  ihr  nahestehenden  Linksliberalen,  während  die
Dertreter  der  Konservativen,  der  gemäßigten  (#llt-)Liberalen  und  der
Katholiken  nur  ein  kleines  Zäuflein  ausmachten.  Welchen  Erfolg  konnte
in  einem  solchem  Zause  das  durchaus  konservative  Ministerium  erwarten?
An  eine  rein  sachliche  Behändlung  der  Dorlagen  war  nicht  zu  denken;
denn  der  Fortschrittspartei  galt  die  Sicherung  der  Mlachtstellung  des  Daterlandes
  weniger  als  der  Schein  der  Folgerichtigkeit  der  Harteitaktik,  durch
den  sie  der  öffentlichen  Meinung  zu  imponieren  glaubte.  Daher  machte
auch  die  Erklärung  des  Ministeriums,  daß  es  weitere  zwei  Millionen  im
Militärbudget  erspart  habe  und  nunmehr  auf  die  seit  dem  Jahre  1850
erhobenen  Steuerzuschläge  Derzicht  leisten  könne,  keinen  Eindruck:  wie
sonst  ohne  Sweifel  würde  geschehen  sein.

Dennoch  bewahrten  die  Dinge  noch  länger  als  ein  Dierteljahr  ein
friedliches  Antlitz:  die  Maßregeln  der  Regierung  in  den  äußeren  Angelegenheiten,
  der  deutschen  Frage,  der  Sollvereinssache  fanden  durchweg
die  Sustimmung  der  Dolksvertretung.  Ende  August  aber  hatte  die  Budget-Kommission
  die  Beratung  des  Militäretats  beendigt  und  stellte  an  das
Haus  den  Antrag,  alle  Mehrausgaben  für  die  Armeereorganisation  zu
streichen  und  es  der  Regierung  zu  überlassen,  welche  Wege  sie  einschlagen
wolle,  um  den  Gustand  der  Armee  wieder  auf  eine  gesetzliche  Grundlage
zu  stellen.  Und  am  29.  August  folgte  die  Marinekommission  mit  dem
Antrage,  den  von  der  Regierung  aufgestellten  Hlan  zur  Schaffung  einer
Kriegsflotte  zu  verwerfen.

So  begann  denn  am  I1I.  September  die  siebentägige  Redeschlacht,
wie  der  Landtag  bisher  eine  solche  noch  nicht  erlebt  hatte.  Swar  der
Ausgang  war  nicht  zweifelhaft;  aber  mit  unbeugsamem  Mute,  unermüdlich
  kämpften  die  Minister  und  eine  kleine  Rednerschar  aus  der  Minorität
für  die  verlorene  Sache,  voll  Unmut  und  Entrüstung,  daß  die  Selbständigkeit
  der  preußischen  Krone  gebeugt  werden  solle,  voll  tiefen  Schmerzes,
daß  das  Daterland  einem  Harteimanöver  geopfert  werde,  voll  gerechten
Unwillens  über  die  frivole  Derblendung,  die  Gegner  Oreußens  durch
Anläufe  zu  einer  energischen  Holitik  auf  den  Hlan  zu  rufen  und  dann
Dreußen  zu  Wasser  und  zu  Lande  wehrlos  ihnen  gegenüberzustellen.
„Ihr  beschließt,  was  ihr  gar  nicht  ausgeführt  haben  wollt!“  rief  der